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Der Verlust der Stille

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Die Stille begleitete den Menschen über die Jahrhunderte. Kein Motorengeräusch, niemals Musik aus Verstärkern, kein Baulärm und auch nicht die Spur von reizüberflutenden Medien konfrontierten die Ohren des Menschen früherer Epochen. Zumindest im Alltag. In den Städten war es damals lauter als auf dem Lande. Kutschen, die über Kopfsteinpflaster rollten, Handwerker auf Straßen, Menschenansammlungen und Marktfrauen auf großen Plätzen. Das waren in der Regel die allgemein üblichen Klangpegel, denen man ausgeliefert war. Richtig laut wurde es dann zu besonderen Gelegenheiten: im Krieg mit Kanonendonnern, Explosionen und Kavallerie – Attacken, bei Revolutionen in den Städten, bei Bränden und Naturkatastrophen. Mehr zu außerordentlichen Anlässen drang der Lärm zu den Menschen. Meist ungewollt. Und in seinen Auswirkungen umso fataler.

Musikaufführungen waren damals für viele verschlossen. Es hing sehr stark davon ab, wo man lebte. In der Stadt war es müheloser, Veranstaltungen zu besuchen. Sie waren  nicht immer für jeden zugänglich. Militärmusik vernahm man häufiger. Bei Paraden und Aufmärschen der Stadtwache und der Regimenter. Wer es sich leisten wollte, ging in die Oper. Konzerthäuser gab es im ganzen Land und wurde von einem eher musikalisch gebildeten Publikum besucht. Tanzveranstaltungen, Dorffeste und Kurkonzerte erlebten die meist schlichten und einfachen Bewohner. In den Kirchen konnte man Oratorien und große Orgelwerke hören. Wenn man in der Provinz lebte, war es schon schwierig, gute Musik zu erleben. Weite Fahrten wurden dafür in Kauf genommen. Im anderen Falle blieb die reichlich verbreitete Hausmusik übrig, die zwar keinen professionellen Anspruch anstrebte, dennoch das Interesse und die Liebe zum Musizieren ungemein förderte. Egal aber wo etwas erklang, alles in allem war die Erzeugung sowie die Aufnahme von Musik durchweg eine flüchtige Erscheinung. Das was blieb, war die Erinnerung an Aufführungen und Konzerte, die irgendwann verblasste. Die einzige Möglichkeit zur Reproduktion war damals das Klavier, auf dem man das Gehörte noch einmal nachspielen konnte. Darin lag die ursprüngliche Idee der Klavierauszüge.

Das alles sollte sich ab dem Jahre 1877 plötzlich ändern. Mit einem Male, wie aus heiterem Himmel, gab es die Perspektive, Klänge zu konservieren und allgemein zu verbreiten. Kein geringerer als Thomas Alva Edison (ja, der mit der Glühbirne), jener Erfinder aus USA, der nie eine Schule besucht hat, stellte seine allerneueste Kreation der Öffentlichkeit vor. Der »Edison Phonograph«, ein Gerät mit einer drehenden Wachs – Walze und einer Abtastnadel. Aus dessen Schalltrichter liessen sich tatsächlich Stimmen und Musik vernehmen. Fast gespenstisch muss den ersten Hörern jene Klänge vorgekommen sein. Trotz der bisweilen schlechten Tonqualität handelte es sich um keinerlei Geringeres, als um einen Meilenstein in der Musikgeschichte. Nicht lange hat es gedauert, bis diese bedeutende Erfindung in Deutschland von der Schallplatte abgelöst wurde.

Wie der Phonograph funktioniert und wie man damit aufnehmen kann, wurde heute im Museum Bad Münder eindrucksvoll erläutert. Oliver Bargmann, einer der ganz wenigen Spezialisten auf dem Gebiet in Deutschland, führte in einem 50- minütigen Vortrag durch die geschichtlichen Hintergründe dieser frühen Tonerzeugung. Sein reichhaltiges Equipment hatte er sogleich einer Dauerausstellung im Museum zur Verfügung gestellt. Das Publikum folgte seinen Ausführungen sehr interessiert. Und auch für mich, selbst als »alter Hase«, gab es jede Menge neue Informationen zu dem Thema.

Meine bescheidene Aufgabe bestand darin, am Schluss des Vortrages eine Tonaufnahme mit einem original Phonograph einzuspielen. Ich verwendete ein Cornet a Pistons in amerikanischer Bauart. Dieses war Ende des 19.Jahrhunderts als Soloinstrument außerordentlich populär. Eine große Zahl an Werken (Thema mit Variationen) wurde dafür komponiert. Auch sehr frühe Originalaufnahmen aus alter Zeit wurden auf dem Cornet eingespielt. Ich nahm ein Stück aus der Mottenkiste: Konzertpolka »Lockvögel«. Länger als 2:15 Minuten durfte es nicht dauern, da die Spielzeit der Walze begrenzt ist. So musste ich auf Handzeichen relativ schnell auf den Schlussteil springen. Es war für mich als Musiker zutiefst beeindruckend, mit welchen einfachen Mitteln damals Klangkonserven hergestellt wurden und bin dankbar für diese seltene Gelegenheit, hier mitwirken zu können.

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