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Britannien und der Kontinent

Es hat alles nichts genützt. Weder das mediale Trommelfeuer der letzten Wochen noch die zur Schau gestellte Selbstsicherheit derer, die meinten, der Brexit würde nie stattfinden. Unsere EU Politiker sind geschockt. Keinesfalls wegen Europa an sich, sondern eher über eine sich anbahnenden Entwicklung, die ihre eigenen Positionen gefährdet.

Denn eines wurde klar. Die üblichen Propagandamechanismen sind stumpf geworden. Wenn Herr Gauck sagt, »nicht die Eliten, die Bevölkerung ist das Problem«, dann hat er recht. Diese werden jetzt tatsächlich, ermuntert durch die anstehende Entwicklung, Probleme machen, indem sie die verkrusteten Strukturen in der EU aufzubrechen versuchen.

Also liebe Briten. Gratulation zu der Entscheidung. Ihr habt das Wesen der Demokratie erkannt, nämlich gewaltfrei politische Veränderungen zu veranlassen. Damit habt ihr euch wieder die Historie zurückgemeldet. Denn die nächsten Anwärter sind schon in Lauerstellung und werden versuchen, eurem Beispiel zu folgen.

Vor Deutschland braucht in der EU niemand Angst zu haben. Referenden dieser Art finden dort unter keinen Umständen statt. Der brave Bundesbürger denkt gar nicht daran, sein eigenes politisches Schicksal in die Hand zu nehmen und Mitwirkung an schicksalhaften Entscheidungen einzufordern. Sein immer noch vorhandenes obrigkeitsstaatliches Denken verhindert solche Überraschungen. Wähnt er sich doch verbürgt und behütet in dessen geordneten Welt, die keinen Raum lässt für Veränderungen, auch wenn sie sich als Vorteil erweisen sollte.

Da glaubt er lieber an das, mühsam durch Steuerzahlungen aufrecht erhaltene Politiker-Establishment, dem er blind vertraut und auch weiterhin jede Unterstützung gewährt. Dafür geht der brave Deutsche gern an die Grenze aller Möglichkeiten, bis zur Erschöpfung notfalls, aber immer mit Überzeugung. Ja, unumstößliche Prinzipien hierzulande sind es, die dem eines Tages ausgelaugten Torso EU noch die letzten Lebensimpulse aufrechterhalten wird.

Giebich, der Stein und die Sage

 

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Giebich, der Stein und die Sage

Die Schwarzkiefern wirken mal dunkel, mal heimelig. Der Wald in der Nähe des Ortes Stöckse macht den Eindruck des Verbergens, ja des Verheimlichens. Die Wege, die hineinführen, lassen nichts Besonderes erwarten. Wer dennoch voller Hoffnung hinein wandert, um dabei etwas Bedeutsames zu finden, dem wird in Kürze Entsprechendes begegnen.

In einer Erdmulde liegend, majestätisch in der Erscheinung, wuchtig im Anblick thront der Giebichenstein dort unverrückbar seit Urzeiten an einer ihm zugewiesenen Stelle. Gewandert ist er einst, unvorstellbar bei dem Gewicht, in eiszeitlichen Phasen aus dem hohen Norden hierher an seinem endgültigen Platz. Hier wird er bleiben und bei vorhandenen 350 Tonnen jedem Baukran widerstehen.

Wer vor ihm weilt ist von dessen Pracht und Fülle beeindruckt. Ein Hauch von Ewigkeit umweht den größten Findling Norddeutschlands. In dem Stein haben sich über Jahrmillionen die Organismen verdichtet. Ehrfürchtig steht man vor diesem Naturmonument, um darüber zu sinnieren, wer wohl in den letzten Jahrtausenden hier ebenso die Blicke darauf geworfen hatte.

Denn eins ist klar: Jeder der hier vorbeikam hat den Findling wahrgenommen. Irgendwann war die Umgegend sicher waldlos, was den Anblick von weit her geleitet haben dürfte. Die kleine Steinanlage in der Nähe bezeugt die Anwesenheit von Menschen aus prähistorischen Zeiten.
Unter dem Stein wurde gegraben. Steinzeitliche Funde sind herausgeholt worden. Ich finde die Rückschlüsse der Archäologen oft erheiternd. Es heißt, da wäre ein steinzeitliches Jägerlager« gewesen. Könnte sein. Nun, liebe Archäologen, ich vermute mal etwas anderes. Vielleicht hat dort auch ein »Saufgelage« stattgefunden. Sie haben sich getroffen und ordentlich einen draufgemacht. Ist das so abwegig? Immer diese Versuche von Historikern, Menschen der Frühzeit als anonymisierte Wesen darzustellen, die nicht die gleichen menschlichen Regungen hatten, wie zu allen Zeiten. Meines Erachtens eine Fehleinschätzung.

Der Giebichenstein erhielt seinen Namen aufgrund einer Sage. In den alten Sagen und Legenden werden Urwahrheiten, Geheimnisse und Weisheiten in verschlüsselter (Altdeutsch: verhehlter) Form dargestellt. Ebenso hier:

Unter dem Stein lag einst der Hauptsitz des Zwergenkönigs Giebich. Der Riese Hans Lohe, der aus dem benachbarten Grinderwald stammte, hatte vor, aus welchem Grund auch immer, den Kirchturm von Wölpe zu zerschlagen. Dazu brauchte er einen großen, schweren Steinblock. Aber Giebich gelang es, mit geheimen Kräften, diesen wieder zu Boden zu zwingen. Somit scheiterte das Vorhaben des Riesen und der Stein lagert noch heute dort, wo er heruntergezogen wurde. Soweit die Sage.

Welche Botschaft liegt hier im Verborgenen? Offensichtlich geht es um die Zähmung unbändiger, zerstörerischer Kräfte. Wenn der Riese also mit einem gewaltigen Stein einen Kirchturm zerschlagen will, dann hat er offenbar ein Problem mit der Kirche . Da es sich um eine mittelalterliche Sage handelt (das Geschlecht Wölpe endete im 13. Jahrhundert) , ist der geografische Ort, an dem eine Kirche gebaut wurde, ein besonders ausgesuchter Platz. So waren die Stellen, an denen Gotteshäuser errichtet wurden, in vorchristlicher Zeit bevorzugte Versammlungs- und Kultorte. Auch der Begriff Geomantie ist hier hilfreich.

Der mutwillige Zerstörungsakt des Riesen richtet sich also gegen das Heilige im Allgemeinen. Aber eine gefestigte irdische Kraft, die aus der Unterwelt kommt, hält ihn zurück. Der Zwergenkönig Giebich ist ein Bewohner der Tiefe. Und der sorgt dafür, daß wir mit unseren Taten, die wir vollbringen, immer etwas begrenzt werden. Und wenn hemmungsloses Agieren in Zerstörungswut ausbricht, hält uns das Erdelement davon ab, indem es uns die Waffe (in dem Fall der Stein) entreißt. So wie einst Giebich in der Sage, der das erdgebundene Festhalten beherrscht, um damit sinnlose Schandtaten zu verhindern.

Der Giebich aus der Legende ist der ruhende Pol im Weltgeschehen. Jedenfalls solange er den Stein weiterhin festhält. Unterstützen wir ihn dabei mit allen Kräften.

In Memoriam Jörg Strodthoff

In Memoriam Jörg Strodthoff

(22.10.1959-10.06.2013)

An dieser Stelle will ich an den vor genau drei Jahren verstorbenen Berliner Kantor und Kirchenmusikdirektor Jörg Strodthoff erinnern. Er hatte sich in seiner Dienstzeit (ab 1989) als Organist, Pianist und Chorleiter an der Berlin-Wilmersdorfer Auenkirche durch glänzende Aufführungen, hochqualitative CD Einspielungen und Gastspiele in allen bedeutenden Berliner Kirchen einen Namen gemacht. Krankheit und früher Tod setzten einer hoffnungsvollen Karriere ein jähes Ende. Zum Schluss erhielt er die Ernennung zum Kirchenmusikdirektor und bekam die Bürgermedaille des Bezirkes für sein allgemein-kulturelles Wirken.
Jörg stammte aus Hannover. Er besuchte das Humboldtgymnasium, machte dort das Abitur. Hier entdeckte er die Liebe zur Musik und den daraus folgenden Berufswunsch. An der Musikhochschule Hannover lernte ich ihn kennen. Er studierte nicht nur Kirchenmusik, sondern absolvierte daneben ein Kapellmeisterstudium. Mit der Zeit legte er doch den Schwerpunkt auf die geistliche Musik. Vor allem die großen Orgelwerke taten es ihm an. Damit zeigte er sein bewundernswertes Können auf dem Instrument. Er verfügte über einen enormen Fleiß, verbunden mit immenser Ausdauer. Ich erinnere mich: Wie oft kam er zu später Stunde in die Studentenkneipe, mit vollgeschwitztem Hemd, stundenlang Reger geübt, um sich am Flipperautomaten ordentlich abzureagieren.

So lernte ich ihn kennen. Als einen ehrgeizigen und bis zur Selbstaufopferung tätigen Musiker, der hoch hinaus wollte, dabei von einer herausragenden Position träumte. In den musikalischen Vorstellungen war er kompromisslos. Sein Drang zum Perfektionismus erreichte manchmal schon die Schmerzgrenze. Selten zuvor habe ich solch einen Hang zur Opferbereitschaft erlebt.

An der Lukaskirche in Hannover-Vahrenwald hatte er seine erste Organistenstelle. In der Zeit, Anfang der 80er Jahre, musizierte ich viel mit ihm gemeinsam. Gelegentlich traf ich ihn andernorts bei Gastspielen in Kirchen der Region.

1989 erhielt er dann die lang ersehnte Position eines A-Kirchenmusikers an der Auenkirche in Berlin-Wilmersdorf. Zu meiner Überraschung in dem Bezirk, wo ich geboren wurde und 1960 getauft worden bin. Hier begannen seine berufliche Karriere und Erfolgsgeschichte. Mit den Jahren des Wirkens wurde die Auenkirche zu einem Geheimtipp in Berlin für qualitativ hochwertige Kirchenmusik. Große Aufführungen mit der Kantorei durch alle bedeutenden Oratorienwerke, legendäre Reger und Bach Einspielungen sowie Zusammenarbeit mit herausragenden Künstlern und Sängern Berlins prägten seine Amtszeit.

Leider war es ihm nicht vergönnt, die Früchte seines vielfältigen Schaffens im Alter zu genießen. Als ich ihn anlässlich meines Taufjubiläums zwecks Musizierens im Gottesdienst einmal kontaktieren wollte, kam mir auf der Internetseite der Gemeinde nur noch eine Todesnachricht mit Nachruf entgegen. So schnell kann es geschehen. Und so habe ich das Musizieren in meiner Taufkirche letztes Jahr mit seinem Nachfolger im Amt, Winfried Kleindopf, nachgeholt.

Kurt Tucholsky und ich

Kurt Tucholsky ist ein Landsmann von mir. Ja, eine gewisse Nähe spüre ich schon zu diesem Autor, Literaten und Satiriker. Tucholsky ist in Berlin-Moabit geboren, ein Stadtteil im Bezirk Mitte, in dem ich zur Schule gegangen und aufgewachsen bin. Und selbstverständlich bin ich samt Schultüte und braunem Lederranzen in die »Kurt-Tucholsky-Grundschule« eingeschult worden. Das war 1966. Danach hat sich die Namenspatenschaft der Schule, wie in Berlin häufiger üblich, mehrmals geändert.

In Wilmersdorf bin ich geboren. Ein bürgerlich, eher wohlhabender Stadtteil im »alten Westen« Berlins. Stärker beeinflusst hat meinen Werdegang doch die besondere Atmosphäre des Moabiter »Stephan-Kiezes«. Von hier stammen die ersten bewussten Eindrücke und Erlebnisse meiner Kindheit, die mich bis heute noch prägen.

Zynismus ist eigentlich nicht meine Vorliebe. Aber Tucholskys teils knallharte Satire beeindruckt mich ungemein. Die »Prügelstrafe« und der »Laternenanzünder« sind nach wie vor Favoriten. Vermutlich bin ich in Berlin doch mit einigen vorhandenen »Molekülen« in Berührung gekommen.

Hubertus Wöllenstein, mit dem ich diesen Tucholsky Abend gestaltete, ist der geeignete Rezitator für Tuchos Werke. Seine ausdrucksvoll knallige und markante Stimme, sowie ein ausstrahlender »Zwanziger-Jahre-Typus« lässt eine Aufführung wie gestern im Gronauer Lichtspieltheater zu einem beeindruckenden Erlebnis werden.

Oft genug ärgerte ich mich über solch handzahmen »Rundfunk«-Stimmen, von jungen Milchbärten, deren Habitus in keinem Verhältnis zu den oft klotzigen Texten Tucholskys stand. Da lobe ich mir doch eher das kantige, knorrige und unergründliche im Vortrag. Tuchos derbe Satire ist nun mal eine andere Hausnummer als heutige lammfromme Kabarett-Darbietungen. Sie gehört nun mal in eine vergangene Epoche, die sie repräsentiert und veranschaulicht. Man war halt etwas Gehaltvolles gewöhnt.

Und die Musik? Natürlich Zwanziger-Jahre Gassenhauer auf dem Klavier und dazwischen einige besinnliche Kontraste zu den scharfsinnigen Texten, welche den Zuhörern etliches abverlangen. Die Leute sollten sich zwischenzeitlich erholen. Das war vornehmlich mein Part. Die Klavierklänge liessen die Inhalte noch einmal Revue passieren und gab dem Publikum die Gelegenheit zur Selbstreflektion.

Der Auftrittsort bot stilistisch die passende Kulisse für unseren Vortrag. Das Lichtspielhaus in Gronau (Leine) wurde 1919 erbaut und zählt zu den ältesten Kinos in der Region. Das Gebäude steht unter Denkmalschutz und wird von einem Kultur- und Veranstaltungsverein in engagierter und rühriger Weise betreut. Neben einem reichhaltigen Kinoprogramm treten hier Künstler aller Gattungen innerhalb eines Rahmenprogrammes auf.

Alle Achtung. Volle 2 Stunden ohne Pause haben die Leute aufmerksam bis zum Schluss zugehört. Ein positives Zeichen für uns. So war hier genug Spannung und Abwechslung ohne eine Minute Leerlauf angesagt.

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Entlang der Kaiserallee


Was sind schon die berühmten »Linden« im Berliner Stadtzentrum, was sind die großen Prachtstraßen dieser Welt gegen unsere gute alte »Kaiserallee«? Ursprünglich angelegt als Verbindungsweg zwischen der «Kaiserrampe« und dem Springer Jagdschloss, liegt sie jetzt im späten Frühling in voller Pracht vor unseren Augen. Kastanien, Lindenbäume, angejahrte Baumbestände und Neuanpflanzungen zieren den Weg des Spaziergängers. Was hat es mit dem Namen auf sich? Was haben die kaiserlichen Herrscher damit zu tun?

Bereits 1858 ist dieser Weg angelegt worden. Am Wegesrand wurden hauptsächlich Kastanien angepflanzt, welche mit der Zeit eine stattliche Größe erreichen sollten. Die Allee hatte den Zweck, eine Verbindung zwischen der alten Chaussee Hannover-Hameln zum Springer Jagdschloss herzustellen. Ebendieses architektonische Kleinod wurde 1837 unter der Regentschaft von Ernst-August von Hannover (der vor dem Hauptbahnhof)durch Laves gebaut.

1866 endete das Königreich Hannover. Es wurde preußische Provinz. Von nun an wurden Staatsjagden veranstaltet, an der sogar der jeweils amtierende deutsche Kaiser teilnahm. Das erklärt auch den Begriff »Kaiserrampe«. Es handelte sich um einen Bahnhof für die Sonderzüge des Kaisers, wenn dieser mit seinem Gefolge zu den alle zwei Jahre stattfindenden Jagden im Saupark Springe aufbrach.

Wer heute entlang der Allee geht oder fährt, befindet sich auf geschichtsträchtigem Boden. Traf der Kaiser am Bahnhof ein, wurde er nicht nur von zahlreichen Bediensteten begleitet. Selbstverständlich nahm die breite Öffentlichkeit davon Notiz. Daher kommt die Bezeichnung: »Großer Bahnhof…«. Nach öffentlicher und medialer Aufmerksamkeit stieg der Herrscher in die für ihn bereitgestellte Kutsche. Somit setzte sich der ganze Tross in Bewegung, um dann gemächlich die Kaiserallee entlang zum Jagdschloss zu fahren. Da die Jagden in der Regel im Spätherbst veranstaltet wurden, war die Witterung eher feucht und neblig. So war seine Majestät oft verschnupft, wenn er von dringenden Regierungsgeschäften kommend, sich zur erholsamen Jagd mit seinen Begleitern aufmachte. Das ging so bis zum Jahre 1912. Da fand die letzte Staatsjagd mit Kaiser Wilhelm, den zweiten statt.

Das Kaiserreich ist längst untergegangen. Die Nachfolger waren keine adligen Herrscher mehr. Allenfalls Länderregierungschefs und deren Minister haben bis in die heutige Zeit der traditionellen Veranstaltung ihre Referenz erwiesen. Der letzte bekannte Name war Ernst Albrecht, damaliger Ministerpräsident von Niedersachsen. Dieser ist bestimmt nicht die Kaiserallee entlanggefahren, sondern ganz nach Art der Demokraten, mit seinem Dienstwagen bis zur Eingangstür kutschiert worden.

Somit ist die Kaiserallee inzwischen zu einem Relikt vergangener Zeiten geworden. Aber dem Wanderer offenbart sie ihre Schönheit und Anmut für die Sinne.

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