giebichenstein001520

Giebich, der Stein und die Sage

image_pdfimage_print

 

Karte2D

 

Giebich, der Stein und die Sage

Die Schwarzkiefern wirken mal dunkel, mal heimelig. Der Wald in der Nähe des Ortes Stöckse macht den Eindruck des Verbergens, ja des Verheimlichens. Die Wege, die hineinführen, lassen nichts Besonderes erwarten. Wer dennoch voller Hoffnung hinein wandert, um dabei etwas Bedeutsames zu finden, dem wird in Kürze Entsprechendes begegnen.

In einer Erdmulde liegend, majestätisch in der Erscheinung, wuchtig im Anblick thront der Giebichenstein dort unverrückbar seit Urzeiten an einer ihm zugewiesenen Stelle. Gewandert ist er einst, unvorstellbar bei dem Gewicht, in eiszeitlichen Phasen aus dem hohen Norden hierher an seinem endgültigen Platz. Hier wird er bleiben und bei vorhandenen 350 Tonnen jedem Baukran widerstehen.

Wer vor ihm weilt ist von dessen Pracht und Fülle beeindruckt. Ein Hauch von Ewigkeit umweht den größten Findling Norddeutschlands. In dem Stein haben sich über Jahrmillionen die Organismen verdichtet. Ehrfürchtig steht man vor diesem Naturmonument, um darüber zu sinnieren, wer wohl in den letzten Jahrtausenden hier ebenso die Blicke darauf geworfen hatte.

Denn eins ist klar: Jeder der hier vorbeikam hat den Findling wahrgenommen. Irgendwann war die Umgegend sicher waldlos, was den Anblick von weit her geleitet haben dürfte. Die kleine Steinanlage in der Nähe bezeugt die Anwesenheit von Menschen aus prähistorischen Zeiten.
Unter dem Stein wurde gegraben. Steinzeitliche Funde sind herausgeholt worden. Ich finde die Rückschlüsse der Archäologen oft erheiternd. Es heißt, da wäre ein steinzeitliches Jägerlager« gewesen. Könnte sein. Nun, liebe Archäologen, ich vermute mal etwas anderes. Vielleicht hat dort auch ein »Saufgelage« stattgefunden. Sie haben sich getroffen und ordentlich einen draufgemacht. Ist das so abwegig? Immer diese Versuche von Historikern, Menschen der Frühzeit als anonymisierte Wesen darzustellen, die nicht die gleichen menschlichen Regungen hatten, wie zu allen Zeiten. Meines Erachtens eine Fehleinschätzung.

Der Giebichenstein erhielt seinen Namen aufgrund einer Sage. In den alten Sagen und Legenden werden Urwahrheiten, Geheimnisse und Weisheiten in verschlüsselter (Altdeutsch: verhehlter) Form dargestellt. Ebenso hier:

Unter dem Stein lag einst der Hauptsitz des Zwergenkönigs Giebich. Der Riese Hans Lohe, der aus dem benachbarten Grinderwald stammte, hatte vor, aus welchem Grund auch immer, den Kirchturm von Wölpe zu zerschlagen. Dazu brauchte er einen großen, schweren Steinblock. Aber Giebich gelang es, mit geheimen Kräften, diesen wieder zu Boden zu zwingen. Somit scheiterte das Vorhaben des Riesen und der Stein lagert noch heute dort, wo er heruntergezogen wurde. Soweit die Sage.

Welche Botschaft liegt hier im Verborgenen? Offensichtlich geht es um die Zähmung unbändiger, zerstörerischer Kräfte. Wenn der Riese also mit einem gewaltigen Stein einen Kirchturm zerschlagen will, dann hat er offenbar ein Problem mit der Kirche . Da es sich um eine mittelalterliche Sage handelt (das Geschlecht Wölpe endete im 13. Jahrhundert) , ist der geografische Ort, an dem eine Kirche gebaut wurde, ein besonders ausgesuchter Platz. So waren die Stellen, an denen Gotteshäuser errichtet wurden, in vorchristlicher Zeit bevorzugte Versammlungs- und Kultorte. Auch der Begriff Geomantie ist hier hilfreich.

Der mutwillige Zerstörungsakt des Riesen richtet sich also gegen das Heilige im Allgemeinen. Aber eine gefestigte irdische Kraft, die aus der Unterwelt kommt, hält ihn zurück. Der Zwergenkönig Giebich ist ein Bewohner der Tiefe. Und der sorgt dafür, daß wir mit unseren Taten, die wir vollbringen, immer etwas begrenzt werden. Und wenn hemmungsloses Agieren in Zerstörungswut ausbricht, hält uns das Erdelement davon ab, indem es uns die Waffe (in dem Fall der Stein) entreißt. So wie einst Giebich in der Sage, der das erdgebundene Festhalten beherrscht, um damit sinnlose Schandtaten zu verhindern.

Der Giebich aus der Legende ist der ruhende Pol im Weltgeschehen. Jedenfalls solange er den Stein weiterhin festhält. Unterstützen wir ihn dabei mit allen Kräften.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *