Cameron-Carpenter

Klugheit und Kreativität. Der Musiker Cameron Carpenter

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Cameron Carpenter ist ein Phänomen. Sogleich in mehrfacher Beziehung. Beobachtet ihn jemand beim Spielen an der Orgel, dann beschleicht demjenigen das Gefühl, dass die gängige Orgelliteratur den ausführenden Solisten nicht recht auszufüllen vermag. Kann das sein? Die großen Orgelwerke von Bach bis Reger zu einfach für einen so begabten Musiker aus Amerika? Was manchmal rein äußerlich so unbefangen leicht daherkommt und aussieht, als wenn es gar keine Mühe bereitet, schwierige technische Passagen zu bewältigen, ist in der Regel das Resultat harter und entbehrungsreicher Arbeit. Cameron spielt seit dem 11. Lebensjahr öffentlich. Er begann mit der Aufführung von Bachs wohltemperiertem Klavier, Teil 1 und 2. Kein schlechtes Debüt für einen jungen Menschen, der erste Schritte auf einer Hammondorgel in der Metallofenfabrik seiner Eltern gemacht hat. Jetzt steht er auf der Höhe des Ruhmes und ist dabei der gefragteste Organist der Welt, den jedes Orchester und jeder Veranstalter haben will. Aber auch etwas anderes macht seinen außergewöhnlichen Erfolg in der Musikszene aus.

Große Solisten in der klassischen Musik, die ihren Habitus und ihr auffallend Äußeres in die Öffentlichkeit getragen haben, gab es immer. Zu jeder Zeit. Man denke dabei an Franz Liszt, der auf Gemälden mit aufrecht gereckter Haltung, bedeutungsvollem Gesicht und wallender Löwenmähne in Verbindung mit expressivem Spiel das Publikum in Entzückung versetzte. Nie vergesse ich die Konzerte mit dem Trompeter Ludwig Güttler, der in der Kirche als imposante Erscheinung und großer Gestalt auf der Empore stand, dabei mit dem kreisenden Schallbecher der Trompete und strahlenden Klängen die Zuhörer zu spontanen Beifallsäußerungen verleitete. Im Gegensatz dazu ist es in der Popmusik aus verschiedenen Gründen zwingend notwendig, mit visuellen Effekten und extravaganten Äußerlichkeiten zu arbeiten. Meist um allgemeine musikalische und textliche Inhaltsleere zu kaschieren und auszugleichen.

Cameron Carpenter ist eine Ausnahmeerscheinung im Klassik-Betrieb. Sein äußerliches Bild in Kleidung und Outfit will nicht so recht in das Raster eines Orgelsolisten passen. Das tut er mit voller Absicht. Cameron sieht sich in keiner Weise als Kirchenorganist. Obwohl er die Kirche ablehnt, hat er zahlreiche Konzerte und Aufnahmen in großen Kirchengebäuden absolviert. Aber seine Erscheinung wirkt dort wie ein Fremdkörper. Es ist wie eine innere Auflehnung gegen die Zwänge starker Kirchenmauern. Gleichzeitig weiß er, was zum »Business« notwendig ist. Das hat er von den Eltern gelernt. Ich glaube, wenn er kein Musiker geworden wäre, dann hätte er sich aufgrund vorliegender stark ausgeprägten Kreativität als Modeschöpfer oder Designer einen Namen gemacht. Und seine schöpferische Ader spürt jeder auch in den originellen Orgel-Arrangements und Kompositionen. Alles in allem bilden diese Eigenschaften das Fundament für eine außergewöhnliche Karriere.

In dem vorliegenden Video beweist Cameron, dass er ein äußerst kluger Kopf ist und durch und durch ein Mensch der heutigen Zeit. Er steht mit dem, was er tut, vollkommen über den Dingen und belegt dies in seinen zahlreichen Interviews auf immer wieder überzeugende und beeindruckende Weise. Werden ihm dabei glücklicherweise die geeigneten Fragen von den richtigen Leuten, wie im vorliegenden Film, gestellt,  wird solch eine Sendung zu einem wahren Hochgenuss.

http://www.youtube.com/watch?v=Uvaz4AYEpw4&list=FLxL12Wy9y_ZfCixhZSyfF0Q&index=7

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