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Stiller Protest eines unbekannten Künstlers

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Stiller Protest eines unbekannten Künstlers

Neulich ist mir im Netz ein bemerkenswertes Bild begegnet. Über den Sinn und Inhalt wurde in den Kommentaren, wie so oft in diesem Fall, lebhaft diskutiert. Es handelt sich um ein Gemälde, das anlässlich des diesjährigen Oktoberfestes auf der Münchener »Wies´n« im Festzelt des bekannten Brauers Hacker-Pschorr an einer Wand befestigt wurde. Das hat der Chef selber veranlasst und sich dabei viel Unmut seitens harscher Kommentatoren zugezogen.

Das Bild sollte eine »typische« Straßenszene in den Straßen Münchens darstellen. Der Name des Künstlers ist mir nicht bekannt. Betrachte der Zuschauer das Bild eine ganze Weile, so fallen Dinge ins Auge, die offensichtlich auf einen stummen Protest des Urhebers schließen lassen. Da es sich bestimmt um ein Auftragswerk handelt, wird der Maler auch Vorschriften und Wünschen seines Auftraggebers genüge getan haben. Hintergrund war eindeutig, die veränderte gesellschaftliche Entwicklung und Form in der Bundesrepublik bildlich real darzustellen, nicht zuletzt um für Verständnis und Toleranz zu werben.

Meiner Ansicht nach wird mit dem Gemälde eher das Gegenteil erreicht. Denn hier hat der Künstler etwas geleistet, was zahlreiche Auftragskünstler vor ihm ebenso getan haben. Nämlich in versteckten Zeichen und verborgenen Signalen die eigene Auffassung über das Thema des Bildes geschickt hinein zu zeichnen, ohne dabei allzu offensichtlich zu wirken.

Im vorliegenden Gemälde wird dies deutlich. Schaut man sich die Personen und ihr nach außen getragenes Verhältnis zueinander an, kann von Integration und Gemeinsamkeit keine Rede mehr sein.

Im Zentrum des Bildes wandeln drei muslimisch geprägte Frauen nebeneinander im gleichen Schritt, wobei ihre Verhüllung die jeweilig landestypische Variante darstellt. Was sie vereint, ist ihre Religionszugehörigkeit, die sie sichtbar präsentieren. Von den Einkaufstaschen abgesehen, entfalten sie in ihrem Aussehen eine geschlossene Gemeinschaft, die sich von der unmittelbaren Umgebung abhebt.

Alle anderen Personen halten einen auffallend deutlich distanzierten Abstand zu den Dreien in der Mitte. Die beiden Frauen ganz vorne links und rechts stehen in ihrem äußerlichen Erscheinungsbild in starkem Kontrast zur Bildmitte. Während die Frau rechts sommerlich freizügig gekleidet ist und sich wahrscheinlich auf einem Einkaufsbummel befindet, macht die Frau auf der linken Seite einen eher nachdenklichen und abwesenden Eindruck. Gelangweilt schaut sie auf das Geschehen drumherum. Rechts hinter ihr kauert eine ältere Dame, voll in sich gekehrt, nimmt von der Umgebung durch ihre Haltung bewusst Abstand, indem sie anderen Menschen den Rücken zukehrt. Neben ihr geht eine Frau einkaufen. Auch sie wirkt teilnahmslos und hält ebenso Distanz, in dem sie den abseitigen Straßenrand beschreitet.

Auf der rechten Seite neben der Frau außen ist zur Hälfte eine Frau mit weißem Hut zu sehen, die eine geräumige Einkaufstasche trägt und durch ihre Körperhaltung eine deutliche Ablehnung gegenüber dem Geschehen der linken Seite spürbar werden lässt. Sie scheint um die Musliminen einen besonders großen Bogen zu machen, quasi im Halbkreis ausweichend, was an ihrer Schulterhaltung zu erkennen ist.

Im Hintergrund links befindet sich eine separate Menschengruppe. Die beiden Damen am Tisch scheinen einen Disput zu führen. Sehr entspannt wirken sie dabei nicht. Ernste Themen können hier eine Rolle spielen.

Überhaupt lässt der Maler einige seltsame Figuren erscheinen. Insgesamt sind auf dem Bild nur drei Männer unter den ganzen Frauen. Der Junge, der so teilnahmslos vor sich hin schlurft, wirkt recht authentisch. Der Mann links oben vor dem Geschäft hat etwas gespenstisches. Der Künstler gab ihm kein Gesicht und färbte das Antlitz stark braun. Handelt es sich etwa um einen AFD-Sympathisanten? Er wird wohl Inhaber des Ladens hinter ihm sein. Also ein fleißiger Kleinunternehmer und Steuerzahler. Auf jeden Fall ein Einheimischer, autochthoner Deutscher, der trotz Gesichtslosigkeit auf die Szenerie blickt und mit den Händen in der Hosentasche Lässigkeit, aber auch Hilflosigkeit ausdrückt.

Eine weitere unheimliche Erscheinung ist die alte Dame davor. Wie ein Relikt aus dem 19. Jahrhundert wirkt sie in der modern anmutenden Gesellschaft eher deplatziert. Sie trägt eine Art Tracht und bekundet dadurch ihre Zugehörigkeit zu alten Traditionen und längst verflossenen Zeiten. Sie soll wohl den »aussterbenden Deutschen« repräsentieren, in dem sie schon gar nicht mehr in diese Welt gehört, wie aus einer vergangenen anderen Zeit, die sich »endgültig« verabschiedet hat. Sie ist ebenso gesichtslos dargestellt wie der Geschäftsinhaber.

Den einzigen schönen und entspannenden Blickpunkt des Bildes stellt das Liebespaar in der Mitte dar. Der wirklich anmutige Anblick, der durch die verwässerten Konturen den »weichgezeichneten« Ausdruck erhält. Die insgesamt trostlose, mit mürrischen Gesichtsausdrücken beladene »Multikulti« Szenerie bekommt durch das Paar im Zentrum eine merkbare Aufheiterung. Dazu trägt auch der Park mit den Baumstämmen im Hintergrund bei. Er wirkt frühlingshaft und heiter.

Das Gemälde soll eine Straßenszene Münchens darstellen. Ich bin lange nicht in der Stadt gewesen. Es wäre erschreckend, wenn die propagierte »Weltstadt mit Herz« kaum mehr zu bieten hätte, als diese zwanghaft aufrechterhaltene Ansicht einer »typischen« Straße, die in dem Bildnis eindeutig zeigt, da hier trotz Integrationsbemühungen vieles nicht funktioniert. Hier hat der Künstler seinen stillen Protest darin ausgedrückt, daß er die freudlose Distanz der Figuren herausstellte und dem scheinbar »bunten« Treiben die Aura der Trostlosigkeit verlieh.

Eine positiv aufbauende Message sieht anders aus. Der Maler würde mit Sicherheit eine freundlich wirkende, mit angenehmen Erscheinungen versehene Straßenszene dargestellt haben, wenn er das vorgehabt hätte. Ein Leichtes wäre es gewesen, Menschen und Umgebung einladend fröhlich darzustellen. Das er es dennoch nicht getan hat, lässt auf seine versteckte Botschaft schließen. Eine deutlich sichtbare Protestnote.

Mittlerweile ist das Oktoberfest im Gange und bislang nur die Hälfte der sonst zahlreichen Besucher aus der ganzen Welt erschienen. So wenig waren es noch nie in den Jahren. Ob der Wirt des Hacker-Pschorr Zeltes das Bild wieder entfernen ließ, ist nicht bekannt.

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