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Warum ich Protestant bin, aber Halloween akzeptiere. Oder: durch die Finsternis zum Licht.

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Häufig wird der Reformationstag und Halloween gegenseitig verglichen, was meinerseits nicht im Entferntesten einen Sinn ergibt. Gibt es hier einen Bezug oder gar einen Widerspruch? Es handelt sich um zwei Begriffe, die inhaltlich nichts miteinander zu tun haben. Wie kann man den Jahrestag der Verbreitung der 95 Thesen des Reformators Luther mit dem traditionellen keltischen Ritual der beleuchteten Kürbisköpfe in Zusammenhang bringen?

In vielen Artikeln, die ich jetzt lesen konnte, wird von die »Gefahr« dieses alten Brauches aus Irland gesprochen und die großen Amtskirchen glauben hier, ein schwerwiegendes Problem erkennen zu müssen. Warum? Ist unser Reformationsgedenken durch eine volkstümliche Überlieferung bedroht?

Seit die Kirchen über Macht mit Einfluss verfügten, wurden alle sogenannten heidnischen Volksbräuche als gottlos unchristlich verdammt und bekämpft. Ein Rest dieser Auffassung und Mentalität scheint noch vorhanden zu sein. Das lässt sich aus zahlreichen Berichten der letzten Zeit herauslesen. Da wird seitens eines Pfarrers von »Satanismus« gesprochen und eindringlich gewarnt, als wenn es sich um eine schwerwiegende Krankheit handelt. Unverkennbar wird hier, wie oft, Hysterie erzeugt, die dazu führt, Dinge, die man nicht versteht, in die Dünkel des Geheimnisvollen zu transportieren.
Was soll daran verwerflich sein, sich jährlich spielerisch und fantasievoll, mit der dunklen Seite unseres Daseins sowie der Welt im Allgemeinen zu beschäftigen? Indessen es auf diese Art geschieht, ist es in Ordnung. Frage an die Kirche: wie sollte man die Themen Finsternis, Grusel Dunkelheit, Schatten und Abgründe denn sonst behandeln? »Ernste« Abhandlungen gibt es genug in der Welt. Sie sind in den Medien beständig präsent. Solange ich mit derartigen Dingen kokettieren kann, habe ich sie unter meiner Kontrolle. Es spricht nichts gegen eine unbeschwert »unernste« Variante dieser Thematik.

Kein Zeitpunkt ist besser geeignet, als der jahreszeitliche Beginn der düsteren Zeit auf der Nordhalbkugel, wo der Prozess des Sterbens anhand der umgebenden Natur klar zum Vorschein kommt. Der November ist die ideale Phase des Gruselns. Das Anzünden von Licht in bizarr gestalteten Lampen gibt der grau-dunklen Atmosphäre einen hoffnungsvollen Lichtschimmer. Ab jetzt wird spätestens das Beleuchten der Umwelt zur Notwendigkeit. Es erlangt über die folgenden Laternenumzüge den zielgerichteten Höhepunkt zu Advent und Weihnachten am vollbeleuchteten Baum. Das Licht in der Dunkelheit, das die Erwartung für die Zeit danach verspricht, findet hier am 31.10 den Anfang.

Die altdeutsche Variante von Halloween ist das »Rübengeistern«. Statt Kürbissen wurden die in Deutschland geernteten Zuckerüben ausgehöhlt und mit Lampen versehen, die eine dämonische Wirkung erzielt haben sollen.

Und was hat das alles mit der Reformation zu tun? Hätte Martin Luther seine 95 Thesen zu einer anderen Jahreszeit an das Wittenberger Kirchenportal genagelt, würde das Gedenken daran entsprechend gefeiert werden. Der Reformationstag könnte theoretisch auch im Frühling oder Sommer stattfinden und hat somit keinerlei inneren Bezug zur augenblicklichen Jahreszeit. Symbolisch passt der Tag eher in den Vorfrühling, wenn die Natur des Winters ihr überlebtes Kleid abstreift, in die Erneuerung übergeht und sich durch neues Wachstum bis spätestens Ende Mai endgültig »reformiert« hat.

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