Kindheitserinnerungen mit Fix und Foxi


Wo sind mir die zahlreichen Buchstaben und Sätze, die mich mein Leben lang begleiteten, zum ersten Mal begegnet? Wo und wann hat meine langjährige „Lesekarriere“ begonnen, die mir im Laufe der Jahre so ungezählte Erkenntnisse beschert hat? Keine Lesefibel, kein Bildermärchenbuch oder irgendwelche Buchstabenspiele waren es, die mich an das eifrige Lesen heranführen sollten. Ausgerechnet ein Comic musste so stark fesseln und begeistern. Ein glücklicher Umstand konnte dazu führen, dass es sich dabei um einen vergleichsweise „seriösen“ deutschen Comic handelte, der sowohl im Sprachgebrauch als auch von Handlung und Aussage her auf mein damaliges kindliches Gedankenmuster zugeschnitten war. Die amerikanischen Kollegen Donald Duck und Mickey Maus kamen erst sehr viel später zum Zuge.

 
Bis dahin hatten Fix und Foxi, Lupo, Tante Eusebia und Onkel Fax erhebliche Vorarbeit geleistet um rechtzeitig zu prägen. Frühzeitig erschienen die Hefte in meiner Hand. Es muss so ab 1965 gewesen sein. Heutzutage lässt sich das gut anhand der Titelseiten im Netz recherchieren. Ich erinnere mich an vier verschiedenfarbige Sammelbände. Drei habe ich vor Augen: grün, orange, blau. Und an die anfänglichen Leseübungen, die ich im Geschäft meiner Eltern hinten neben der Wäschemangel machte.

 
Fix und Foxi war ein deutscher Comic des Münchener Verlegers Rolf Kauka und unterschied sich inhaltlich bedeutend von anderen damals kursierenden Heften wie Mickey Maus, Superman, Sigurd u.a.. Eigenartigerweise haben diese anfangs überhaupt nicht interessiert. Mir erschienen sie schon als Kind zu oberflächlich und plakativ in ihrer Art der Zusammenstellung und Handlungen.

 
Nicht allein die beiden Füchse und ihre Umgebung waren handelnde Personen in den Heften. Daneben gab es Fortsetzungsgeschichten, deren jeweils nächste Folgen ich Woche für Woche kaum erwarten konnte. „Pit und Piccolo“, eine Adaption von „Spirou und Fantasio“ faszinierten total. Unvergessen das „Versteck der Muräne“, wo in einem gesunkenem U-Boot ein Unterschlupf für Drogen eingerichtet war. Was habe ich mich da bei den Tauchaktionen anwesend gefühlt und voller Spannung mitgefiebert. Viele Geschichten sind noch präsent: General Zantas, welcher eine Diktatur im südamerikanischen Urwald errichtete, der Graf von Champignac, ein Tüftler und Erfinder in einem verwunschenen Schloß und letztendlich »QRN ruft Bretzelburg«, eine gelungene Parodie auf die DDR und die Situation im seinerzeitigen kalten Krieg.

 
Regelrecht verschlungen hatte ich jene spannenden und durchdachten Bildergeschichten, die mich wesentlich mehr fesselten, als andere Hefte mit Action oder Krimis. Weitere Figuren in Fix und Foxi waren eher harmloser und kindgerechter konzipiert: Tom und Klein Biberherz, Pauli (ein aufgeweckter Maulwurf), Professor Knox (ein Papagei als Erfinder), Lupinchen und viele ähnliche. Jeder«Darsteller« hatte dessen eigenes Charakteristikum und bediente ein Schema, das permanent durch alle Episoden beibehalten wurde. Die Kontinuität der Gestalten erzeugte eine Art Heimat und manche Wesenszüge konnte der Leser an sich selbst wieder entdecken.
Die Geschichten und Wesensarten der Akteure in den Fix und Foxi Heften waren völlig anders in ihrer Ausprägung als die gängigen Figuren von Walt Disney. Diese sollten mir erst später begegnen. Fix und Foxi war ein deutscher Comic und hatte in seinem Handlungsstrang versteckte Botschaften bis hin zur Belehrung. Die Typen entstammten eher einem kleinbürgerlichen Umfeld in ländlicher Umgebung. Oft genug spielten sich die Szenen in freier Natur ab; selten im urbanen Bereich.

 
Die herausragende und die meist die Handlung bestimmende Person war der verwegene Wolf Lupo, der, ähnlich dem Donald Duck in den Disney-Geschichten, ständig aufgrund eigenen Unvermögens in Schwierigkeiten gerät und durch Ideenreichtum, Abenteuerlust und Tollpatschigkeit der Story die notwendige Spannung und Dramatik gegeben hat. Fast immer bringen ihn die Geschehnisse um ihn herum auf eine neue Erkenntnisstufe, begleitet von zahlreichen Niederlagen, die er zu durchzustehen hat.

 

Allen Darstellern ist eines gemein: Sie sind durchweg zeitlos. Sie altern nicht und verändern sich über längere Zeiträume in keiner Weise. Daneben spielt auch das Verhältnis untereinander eine primäre Rolle. Liebschaften gibt es kaum. Der Umgang zu den wenig vorkommenden weiblichen Personen ist eher selten und wenn, dann distanziert. Klappt es einmal trotzdem, geht es regelmäßig gründlich schief. Insgesamt verhalten sich alle Figuren trotz spannungsgeladener Abenteuer versöhnlich zueinander. Eines der zahlreich guten Vorbilder, die den Kindern hier in beispielgebender Art präsentiert wird.

Die Ausstellung im Wilhelm-Busch-Museum in Hannover gibt einen detaillierten Einblick in das über vierzigjährige Schaffen von Rolf Kauka´s Produkten. Im Hintergrund waren ganz hervorragende Zeichner am Werk, die größenteils aus Osteuropa stammten, meist aus dem ehemaligen Yugoslawien. Sie bildeten den Grundstock für den außerordentlichen Erfolg der Serie. In der Veranstaltung werden alle Künstler mit ihren verschiedenen Zeichenstilen vorgestellt. Hinter der bunten Comicwelt befand sich ein ausgeklügeltes Vertriebs- und Geschäftssystem, das auf diesem Sektor fast ohne Beispiel war und nur mit Walt Disney in Amerika verglichen werden konnte. Rolf Kauka wurde nicht umsonst der „Deutsche Disney“ genannt.

Er und seine Geschäftsführung residierten in einem Schloß nahe dem noblen Münchener Vorortstadtteil Grünwald. Seine frühen großen Erfolge brachten Kauka schnell in die damalige Münchener High Society. Dennoch hat er sich in seinen Aussagen immer wieder auf seine ursprünglichen Ziele bezogen: Kindern Freude zu vermitteln, zum Nachdenken anzuregen und die Kreativität von Jugendlichen zu fördern.