Eindrücke einer Ausstellung, Erinnerungen an Heinz Erhardt


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Eines der Gesichter der deutschen Nachkriegsära und dem folgendem Wirtschaftswunder ist der Unterhaltungskünstler Heinz Erhardt.Er verfügte über ein vielseitiges Talent, weshalb der Begriff »Komiker« allein seinem umfangreichen Spektrum nicht gerecht wird. Er stellte mehr da: Musiker, Klavierhumorist, Komponist, Dichter, Entertainer, Schauspieler, Autor und Komödiant. Frühe Berührungen mit dem Kulturbetrieb hatte Erhardt in dessen Geburtsort Riga bei seinem Onkel, der dort ein Musikgeschäft betrieb und daneben eine Konzertagentur, die berühmte ausländische Künstler in die Stadt holte. Jene frühzeitigen Beobachtungen und Prägungen ließen den zukünftigen Weg vorzeichnen. Musiker zu werden, war erster Berufswunsch. So ging er nach Leipzig, um an der dortigen Hochschule Klavier und Komposition zu studieren.

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Bald trat er als Klavierhumorist in Erscheinung und zeigte seine hohe Begabung in Etablissements und sogleich auch im Rundfunk. Doch mit der Zeit kam sein ausgeprägtes komödiantisches Talent stärker in den Vordergrund. Umgehend wurden die Medien auf ihn aufmerksam und er erlangte frühzeitig einen weiten Bekanntheitsgrad. Der berufliche Weg war eingeschlagen. Bis zuletzt sollte er als einer der berühmtesten Künstler seines Metiers in die Geschichte eingehen.

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Seine Schaffenskraft war ungeheuer. Sein kreatives Potential unerschöpflich. Vor allem der Umgang mit der deutschen Sprachkultur war virtuos. Die verdrehenden Wortspielereien und grotesken Schlussfolgerungen kamen an. Und überzeugend konnte er sie auf Bühnen vortragen. Er wirkte authentisch und originell. Mit der Zeit verlegte er den Schwerpunkt von der Musik mehr hin zu den reinen Wortbeiträgen. Ein Schlüsselerlebniss dafür war folgendes: An einem Abend auf der Bühne kam er während des Vortrages ins Stocken und bliebt mitten im Text stecken. Er blickte mit seinem unvergleichlichen Gesicht in die Runde, dann bückte er sich und hob scheinbar etwas vom Boden auf. Dann nahm er das zwischen Daumen und Zeigefinger und sagte:« Jetzt habe ich den Faden wiedergefunden, den ich erst verloren hatte.« Die unerwartete und spontane Situatione löste beim Publikum donnerndes Gelächter aus. Der »Schelm« war geboren.

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Sein ganzes Leben widmete er dem Humor auf hohem Niveau. Genauso skurril wie der Werdegang war auch die Dienstzeit beim Militär. So kam er als Brillenträger und Nichtschwimmer schließlich zur Marine. Als Pianist zur Truppenbetreuung und bei Marschmusik an die große Trommel. Er überlebte den Krieg und gelangte umgehend, hohlwangig und schlank, zu Film, Funk und Fernsehen. Die Popularität sollte sich ins Unermessliche steigern. Bis hin zu seinem Schlaganfall, der ihn dann zwang, eine unglaubliche Karriere zu unterbrechen.

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Das Museum im Schloß Bad Pyrmont hat unter der Mitarbeit von Erhardts Erbengemeinschaft zahlreiche Exponate, sein Leben und Wirken der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Mengen dargestellter persönlicher Gegenstände, Aufzeichnungen, und Dokumente vermitteln einen tiefen Einblick in das Schaffen eines Künstlers, bei dem sich über die Jahre ein umfangreiches Oeuvre angesammlt hat. Neunzehn Alben mit Fotos und Zeitungsausschnitten hat Heinz Erhardt akribisch geführt. Vieles davon ist in der Veranstaltung zu bewundern. Lebendig wirken die kurzen Kommentare, die er in grüner Schrift unter und zwischen die Artikel schrieb, um damit seine Meinungen zu dem über ihn Geschriebenen zu verewigen. Die zahlreiche Fotos zeigen stets einen fröhlichen, humorvollen Mann, der sich gern im Kreise der Familie aufhielt und wohlfühlte. Ein gefundenes Fressen für die damalige Klatsch-Presse, die Erhadts Popularität gnadenlos auszunutzen wusste. Nicht zuletzt zeigt sich in der Ausstellung, dass Erhardt als Meister des Wortes auch in anderen Bereichen schöpferisch war. So gibt es aus der Frühzeit Kompositionen für Gesang und Klavier, die er in seiner Leipziger Studienzeit verfasste. Ein weiteres Talent bewies er im Verfassen von wirkungsvollen Zeichnungen und Karikaturen, die zur Illustration eigener Bücher verwendet wurden.

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Während des Besichtigungsganges durch die Vitrinen wird der Besucher mit einigen Ton-Dokumenten beschallt. Schallplattenproduktionen führte letztendlich zu einer goldenen Schallplatte, die hier zu bestaunen ist. Wer des Stehens und Gehens müde wird, erholt sich vor einem Video-Bildschirm, in dem etliche Paraderollen und Conferencen zahlreicher Bühnenshows zu bewundern sind. Seine Auftritte vor großem Publikum waren glänzend. Mit jedem Wort, jeder Geste hielt er die Zuschauer pausenlos in den Bann. Die überschäumende Heiterkeit in den Sälen verzaubert noch heute den Beobachter. Die ausgelassene Stimmung überträgt sich sofort und lässt einem keine Wahl, sich diesem zu entziehen.

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Das Besondere an der Kunst Heinz Erhardts ist, dass sie quer durch alle Generationen und Bevölkerungsschichten verstanden, sogar geliebt wird. Alle hängen sie an seinen schelmischen Lippen wenn er wieder geniale Wortspiele in den Raum wirft. Sowohl der achzigjährige Greis, als auch das Kind im Vorschulalter. Die Universalität Erhardtischen Humors scheint in jedem Menschen etwas anzusprechen, was allerdings die wendige Beherrschung der deutschen Sprache voraussetzt. Unabhängig davon hat man Freude an dem Mienenspiel, dem schelmischen Blick und den gelenkig behenden tänzerischen Bewegungen. Audial oder visuell, Erhardts Botschaften kommen an. Sie werden wahrscheinlich auch kommende Generationen ansprechen, sofern ihnen der allgemeine Sinn für leichten, aber anspruchsvollen Humor nicht abhanden gekommen ist.

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