Die berühmte „Berliner Luft“.


Was ist die berühmte »Berliner Luft«?

Paul Lincke brachte sie ins Spiel und ist seitdem in aller Munde. Besungen wird sie heute noch und genießt das Privileg, sogar in der Funktion eines Verkaufsschlagers in Dosen abgefüllt zu werden. Manche können sie nicht riechen, aber für viele ist sie mehr als bloß der Sauerstoff einer bestimmten Region.

Die legendäre »Berliner Luft«, eine Erscheinung, die sich nur dem offenbart, der sie schon einmal am Originalschauplatz inhalieren durfte.

Erwiesenermaßen ist hier mit »Luft« etwas ganz anderes gemeint, als lediglich eine originelle Sauerstoffkonzentration des Äthers. Sogleich erinnere ich mich an den Ausspruch »Stadtluft macht frei. Zum einen ist Luft ein Element im Sinne von Kommunikation, Geistigkeit, Ideenreichtum und Klarheit. Innovationen und Ideen sind in erster Linie städtischen Ursprungs. Zum anderen ist eine Vielzahl unserer Stadtanlagen in der Phase des Hochmittelalters gegründet worden, also im 11.Jahrhundert. Es sind Leibeigene der Klöster und Burgen gewesen, die in den Stadtmauern Zuflucht finden sollten, um sich dort dem Zugriff ihrer Dienstherren zu entziehen. Das wurde ihnen gesetzlich zugebilligt (….«macht frei«). Somit war durch den Zuwachs der Einwohnerzahlen das Wachstum der Städte eingeleitet worden.

Was aber hat es nun mit der »Berliner Luft« auf sich? Berlin war vor der Reichsgründung 1871 eine eher im Vergleich mit den Metropolen Paris, Wien, London, Moskau provinzielle Hauptstadt. Damals Zentrum des mächtigsten Bundesstaates in Deutschland und Hauptstadt von Preußen. Schon Friedrich der Große gefiel Berlin nicht besonders. Grund für ihn, Residenz und Wirkungsstätte nach Potsdam zu verlegen.

Dennoch galt die sagenhafte »Berliner Luft« als Synonym für ein freies Lebensgefühl, dass diese Stadt seit jeher auszeichnete. Trotz preußischem Ordnungssinn und militärischer Strenge war das kein Widerspruch. Während andere Weltstädte wie Wien oder Paris den Ballast ihrer Geschichte dem Besucher spürbar machten, wirkte dagegen Berlin freier und allen neuen Ideen offener. Eine Eigenschaft, die sich bis heute halten konnte und von Schöpfern der kulturellen Szene nach wie vor geschätzt wird.

Die »Berliner Luft« hat vielmehr mit der Weite der Stadtanlage zu tun. Wie ich im Heimatkundeunterricht gelernt hatte, liegt die Spreemetropole in einem sogenannten Urstromtal, einem Gebilde der letzten Eiszeit, worin die Schmelzwässer des Inlandeises ihre Bahn fanden. Hier auf der sandigen, aber ebenen Fläche entstand entlang eines Handelsweges eine Stadt, die einmal zur größten Metropole Deutschlands emporwachsen sollte. Diese weitläufige, ebenerdige Plattform ohne Steigungen und nennenswerte Erhebungen ist wie geschaffen zum Bau einer gewaltigen Stadtanlage. Und wie in jeder Ebene kann hier die Luft ungehindert frei zirkulieren und einem mit Frische und Leichtigkeit um die Nase wehen.

Und so verhilft die »Berliner Luft« bis dato zu einem unvergleichlich freien, ungezwungenen Lebensgefühl. In einem Teil des Liedes von Paul Lincke schlägt sich das besonders nieder:

»Berlin! Hör´ich den Namen bloß,
da muss vergnügt ich lachen!
Wie kann man da für wenig Moos
den Dicken Wilhelm machen.