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Die berühmte „Berliner Luft“.

Was ist die berühmte »Berliner Luft«?

Paul Lincke brachte sie ins Spiel und ist seitdem in aller Munde. Besungen wird sie heute noch und genießt das Privileg, sogar in der Funktion eines Verkaufsschlagers in Dosen abgefüllt zu werden. Manche können sie nicht riechen, aber für viele ist sie mehr als bloß der Sauerstoff einer bestimmten Region.

Die legendäre »Berliner Luft«, eine Erscheinung, die sich nur dem offenbart, der sie schon einmal am Originalschauplatz inhalieren durfte.

Erwiesenermaßen ist hier mit »Luft« etwas ganz anderes gemeint, als lediglich eine originelle Sauerstoffkonzentration des Äthers. Sogleich erinnere ich mich an den Ausspruch »Stadtluft macht frei. Zum einen ist Luft ein Element im Sinne von Kommunikation, Geistigkeit, Ideenreichtum und Klarheit. Innovationen und Ideen sind in erster Linie städtischen Ursprungs. Zum anderen ist eine Vielzahl unserer Stadtanlagen in der Phase des Hochmittelalters gegründet worden, also im 11.Jahrhundert. Es sind Leibeigene der Klöster und Burgen gewesen, die in den Stadtmauern Zuflucht finden sollten, um sich dort dem Zugriff ihrer Dienstherren zu entziehen. Das wurde ihnen gesetzlich zugebilligt (….«macht frei«). Somit war durch den Zuwachs der Einwohnerzahlen das Wachstum der Städte eingeleitet worden.

Was aber hat es nun mit der »Berliner Luft« auf sich? Berlin war vor der Reichsgründung 1871 eine eher im Vergleich mit den Metropolen Paris, Wien, London, Moskau provinzielle Hauptstadt. Damals Zentrum des mächtigsten Bundesstaates in Deutschland und Hauptstadt von Preußen. Schon Friedrich der Große gefiel Berlin nicht besonders. Grund für ihn, Residenz und Wirkungsstätte nach Potsdam zu verlegen.

Dennoch galt die sagenhafte »Berliner Luft« als Synonym für ein freies Lebensgefühl, dass diese Stadt seit jeher auszeichnete. Trotz preußischem Ordnungssinn und militärischer Strenge war das kein Widerspruch. Während andere Weltstädte wie Wien oder Paris den Ballast ihrer Geschichte dem Besucher spürbar machten, wirkte dagegen Berlin freier und allen neuen Ideen offener. Eine Eigenschaft, die sich bis heute halten konnte und von Schöpfern der kulturellen Szene nach wie vor geschätzt wird.

Die »Berliner Luft« hat vielmehr mit der Weite der Stadtanlage zu tun. Wie ich im Heimatkundeunterricht gelernt hatte, liegt die Spreemetropole in einem sogenannten Urstromtal, einem Gebilde der letzten Eiszeit, worin die Schmelzwässer des Inlandeises ihre Bahn fanden. Hier auf der sandigen, aber ebenen Fläche entstand entlang eines Handelsweges eine Stadt, die einmal zur größten Metropole Deutschlands emporwachsen sollte. Diese weitläufige, ebenerdige Plattform ohne Steigungen und nennenswerte Erhebungen ist wie geschaffen zum Bau einer gewaltigen Stadtanlage. Und wie in jeder Ebene kann hier die Luft ungehindert frei zirkulieren und einem mit Frische und Leichtigkeit um die Nase wehen.

Und so verhilft die »Berliner Luft« bis dato zu einem unvergleichlich freien, ungezwungenen Lebensgefühl. In einem Teil des Liedes von Paul Lincke schlägt sich das besonders nieder:

»Berlin! Hör´ich den Namen bloß,
da muss vergnügt ich lachen!
Wie kann man da für wenig Moos
den Dicken Wilhelm machen.

Eindrücke einer Ausstellung, Erinnerungen an Heinz Erhardt

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Eines der Gesichter der deutschen Nachkriegsära und dem folgendem Wirtschaftswunder ist der Unterhaltungskünstler Heinz Erhardt.Er verfügte über ein vielseitiges Talent, weshalb der Begriff »Komiker« allein seinem umfangreichen Spektrum nicht gerecht wird. Er stellte mehr da: Musiker, Klavierhumorist, Komponist, Dichter, Entertainer, Schauspieler, Autor und Komödiant. Frühe Berührungen mit dem Kulturbetrieb hatte Erhardt in dessen Geburtsort Riga bei seinem Onkel, der dort ein Musikgeschäft betrieb und daneben eine Konzertagentur, die berühmte ausländische Künstler in die Stadt holte. Jene frühzeitigen Beobachtungen und Prägungen ließen den zukünftigen Weg vorzeichnen. Musiker zu werden, war erster Berufswunsch. So ging er nach Leipzig, um an der dortigen Hochschule Klavier und Komposition zu studieren.

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Bald trat er als Klavierhumorist in Erscheinung und zeigte seine hohe Begabung in Etablissements und sogleich auch im Rundfunk. Doch mit der Zeit kam sein ausgeprägtes komödiantisches Talent stärker in den Vordergrund. Umgehend wurden die Medien auf ihn aufmerksam und er erlangte frühzeitig einen weiten Bekanntheitsgrad. Der berufliche Weg war eingeschlagen. Bis zuletzt sollte er als einer der berühmtesten Künstler seines Metiers in die Geschichte eingehen.

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Seine Schaffenskraft war ungeheuer. Sein kreatives Potential unerschöpflich. Vor allem der Umgang mit der deutschen Sprachkultur war virtuos. Die verdrehenden Wortspielereien und grotesken Schlussfolgerungen kamen an. Und überzeugend konnte er sie auf Bühnen vortragen. Er wirkte authentisch und originell. Mit der Zeit verlegte er den Schwerpunkt von der Musik mehr hin zu den reinen Wortbeiträgen. Ein Schlüsselerlebniss dafür war folgendes: An einem Abend auf der Bühne kam er während des Vortrages ins Stocken und bliebt mitten im Text stecken. Er blickte mit seinem unvergleichlichen Gesicht in die Runde, dann bückte er sich und hob scheinbar etwas vom Boden auf. Dann nahm er das zwischen Daumen und Zeigefinger und sagte:« Jetzt habe ich den Faden wiedergefunden, den ich erst verloren hatte.« Die unerwartete und spontane Situatione löste beim Publikum donnerndes Gelächter aus. Der »Schelm« war geboren.

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Sein ganzes Leben widmete er dem Humor auf hohem Niveau. Genauso skurril wie der Werdegang war auch die Dienstzeit beim Militär. So kam er als Brillenträger und Nichtschwimmer schließlich zur Marine. Als Pianist zur Truppenbetreuung und bei Marschmusik an die große Trommel. Er überlebte den Krieg und gelangte umgehend, hohlwangig und schlank, zu Film, Funk und Fernsehen. Die Popularität sollte sich ins Unermessliche steigern. Bis hin zu seinem Schlaganfall, der ihn dann zwang, eine unglaubliche Karriere zu unterbrechen.

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Das Museum im Schloß Bad Pyrmont hat unter der Mitarbeit von Erhardts Erbengemeinschaft zahlreiche Exponate, sein Leben und Wirken der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Mengen dargestellter persönlicher Gegenstände, Aufzeichnungen, und Dokumente vermitteln einen tiefen Einblick in das Schaffen eines Künstlers, bei dem sich über die Jahre ein umfangreiches Oeuvre angesammlt hat. Neunzehn Alben mit Fotos und Zeitungsausschnitten hat Heinz Erhardt akribisch geführt. Vieles davon ist in der Veranstaltung zu bewundern. Lebendig wirken die kurzen Kommentare, die er in grüner Schrift unter und zwischen die Artikel schrieb, um damit seine Meinungen zu dem über ihn Geschriebenen zu verewigen. Die zahlreiche Fotos zeigen stets einen fröhlichen, humorvollen Mann, der sich gern im Kreise der Familie aufhielt und wohlfühlte. Ein gefundenes Fressen für die damalige Klatsch-Presse, die Erhadts Popularität gnadenlos auszunutzen wusste. Nicht zuletzt zeigt sich in der Ausstellung, dass Erhardt als Meister des Wortes auch in anderen Bereichen schöpferisch war. So gibt es aus der Frühzeit Kompositionen für Gesang und Klavier, die er in seiner Leipziger Studienzeit verfasste. Ein weiteres Talent bewies er im Verfassen von wirkungsvollen Zeichnungen und Karikaturen, die zur Illustration eigener Bücher verwendet wurden.

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Während des Besichtigungsganges durch die Vitrinen wird der Besucher mit einigen Ton-Dokumenten beschallt. Schallplattenproduktionen führte letztendlich zu einer goldenen Schallplatte, die hier zu bestaunen ist. Wer des Stehens und Gehens müde wird, erholt sich vor einem Video-Bildschirm, in dem etliche Paraderollen und Conferencen zahlreicher Bühnenshows zu bewundern sind. Seine Auftritte vor großem Publikum waren glänzend. Mit jedem Wort, jeder Geste hielt er die Zuschauer pausenlos in den Bann. Die überschäumende Heiterkeit in den Sälen verzaubert noch heute den Beobachter. Die ausgelassene Stimmung überträgt sich sofort und lässt einem keine Wahl, sich diesem zu entziehen.

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Das Besondere an der Kunst Heinz Erhardts ist, dass sie quer durch alle Generationen und Bevölkerungsschichten verstanden, sogar geliebt wird. Alle hängen sie an seinen schelmischen Lippen wenn er wieder geniale Wortspiele in den Raum wirft. Sowohl der achzigjährige Greis, als auch das Kind im Vorschulalter. Die Universalität Erhardtischen Humors scheint in jedem Menschen etwas anzusprechen, was allerdings die wendige Beherrschung der deutschen Sprache voraussetzt. Unabhängig davon hat man Freude an dem Mienenspiel, dem schelmischen Blick und den gelenkig behenden tänzerischen Bewegungen. Audial oder visuell, Erhardts Botschaften kommen an. Sie werden wahrscheinlich auch kommende Generationen ansprechen, sofern ihnen der allgemeine Sinn für leichten, aber anspruchsvollen Humor nicht abhanden gekommen ist.

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Kindheitserinnerungen mit Fix und Foxi

Wo sind mir die zahlreichen Buchstaben und Sätze, die mich mein Leben lang begleiteten, zum ersten Mal begegnet? Wo und wann hat meine langjährige „Lesekarriere“ begonnen, die mir im Laufe der Jahre so ungezählte Erkenntnisse beschert hat? Keine Lesefibel, kein Bildermärchenbuch oder irgendwelche Buchstabenspiele waren es, die mich an das eifrige Lesen heranführen sollten. Ausgerechnet ein Comic musste so stark fesseln und begeistern. Ein glücklicher Umstand konnte dazu führen, dass es sich dabei um einen vergleichsweise „seriösen“ deutschen Comic handelte, der sowohl im Sprachgebrauch als auch von Handlung und Aussage her auf mein damaliges kindliches Gedankenmuster zugeschnitten war. Die amerikanischen Kollegen Donald Duck und Mickey Maus kamen erst sehr viel später zum Zuge.

 
Bis dahin hatten Fix und Foxi, Lupo, Tante Eusebia und Onkel Fax erhebliche Vorarbeit geleistet um rechtzeitig zu prägen. Frühzeitig erschienen die Hefte in meiner Hand. Es muss so ab 1965 gewesen sein. Heutzutage lässt sich das gut anhand der Titelseiten im Netz recherchieren. Ich erinnere mich an vier verschiedenfarbige Sammelbände. Drei habe ich vor Augen: grün, orange, blau. Und an die anfänglichen Leseübungen, die ich im Geschäft meiner Eltern hinten neben der Wäschemangel machte.

 
Fix und Foxi war ein deutscher Comic des Münchener Verlegers Rolf Kauka und unterschied sich inhaltlich bedeutend von anderen damals kursierenden Heften wie Mickey Maus, Superman, Sigurd u.a.. Eigenartigerweise haben diese anfangs überhaupt nicht interessiert. Mir erschienen sie schon als Kind zu oberflächlich und plakativ in ihrer Art der Zusammenstellung und Handlungen.

 
Nicht allein die beiden Füchse und ihre Umgebung waren handelnde Personen in den Heften. Daneben gab es Fortsetzungsgeschichten, deren jeweils nächste Folgen ich Woche für Woche kaum erwarten konnte. „Pit und Piccolo“, eine Adaption von „Spirou und Fantasio“ faszinierten total. Unvergessen das „Versteck der Muräne“, wo in einem gesunkenem U-Boot ein Unterschlupf für Drogen eingerichtet war. Was habe ich mich da bei den Tauchaktionen anwesend gefühlt und voller Spannung mitgefiebert. Viele Geschichten sind noch präsent: General Zantas, welcher eine Diktatur im südamerikanischen Urwald errichtete, der Graf von Champignac, ein Tüftler und Erfinder in einem verwunschenen Schloß und letztendlich »QRN ruft Bretzelburg«, eine gelungene Parodie auf die DDR und die Situation im seinerzeitigen kalten Krieg.

 
Regelrecht verschlungen hatte ich jene spannenden und durchdachten Bildergeschichten, die mich wesentlich mehr fesselten, als andere Hefte mit Action oder Krimis. Weitere Figuren in Fix und Foxi waren eher harmloser und kindgerechter konzipiert: Tom und Klein Biberherz, Pauli (ein aufgeweckter Maulwurf), Professor Knox (ein Papagei als Erfinder), Lupinchen und viele ähnliche. Jeder«Darsteller« hatte dessen eigenes Charakteristikum und bediente ein Schema, das permanent durch alle Episoden beibehalten wurde. Die Kontinuität der Gestalten erzeugte eine Art Heimat und manche Wesenszüge konnte der Leser an sich selbst wieder entdecken.
Die Geschichten und Wesensarten der Akteure in den Fix und Foxi Heften waren völlig anders in ihrer Ausprägung als die gängigen Figuren von Walt Disney. Diese sollten mir erst später begegnen. Fix und Foxi war ein deutscher Comic und hatte in seinem Handlungsstrang versteckte Botschaften bis hin zur Belehrung. Die Typen entstammten eher einem kleinbürgerlichen Umfeld in ländlicher Umgebung. Oft genug spielten sich die Szenen in freier Natur ab; selten im urbanen Bereich.

 
Die herausragende und die meist die Handlung bestimmende Person war der verwegene Wolf Lupo, der, ähnlich dem Donald Duck in den Disney-Geschichten, ständig aufgrund eigenen Unvermögens in Schwierigkeiten gerät und durch Ideenreichtum, Abenteuerlust und Tollpatschigkeit der Story die notwendige Spannung und Dramatik gegeben hat. Fast immer bringen ihn die Geschehnisse um ihn herum auf eine neue Erkenntnisstufe, begleitet von zahlreichen Niederlagen, die er zu durchzustehen hat.

 

Allen Darstellern ist eines gemein: Sie sind durchweg zeitlos. Sie altern nicht und verändern sich über längere Zeiträume in keiner Weise. Daneben spielt auch das Verhältnis untereinander eine primäre Rolle. Liebschaften gibt es kaum. Der Umgang zu den wenig vorkommenden weiblichen Personen ist eher selten und wenn, dann distanziert. Klappt es einmal trotzdem, geht es regelmäßig gründlich schief. Insgesamt verhalten sich alle Figuren trotz spannungsgeladener Abenteuer versöhnlich zueinander. Eines der zahlreich guten Vorbilder, die den Kindern hier in beispielgebender Art präsentiert wird.

Die Ausstellung im Wilhelm-Busch-Museum in Hannover gibt einen detaillierten Einblick in das über vierzigjährige Schaffen von Rolf Kauka´s Produkten. Im Hintergrund waren ganz hervorragende Zeichner am Werk, die größenteils aus Osteuropa stammten, meist aus dem ehemaligen Yugoslawien. Sie bildeten den Grundstock für den außerordentlichen Erfolg der Serie. In der Veranstaltung werden alle Künstler mit ihren verschiedenen Zeichenstilen vorgestellt. Hinter der bunten Comicwelt befand sich ein ausgeklügeltes Vertriebs- und Geschäftssystem, das auf diesem Sektor fast ohne Beispiel war und nur mit Walt Disney in Amerika verglichen werden konnte. Rolf Kauka wurde nicht umsonst der „Deutsche Disney“ genannt.

Er und seine Geschäftsführung residierten in einem Schloß nahe dem noblen Münchener Vorortstadtteil Grünwald. Seine frühen großen Erfolge brachten Kauka schnell in die damalige Münchener High Society. Dennoch hat er sich in seinen Aussagen immer wieder auf seine ursprünglichen Ziele bezogen: Kindern Freude zu vermitteln, zum Nachdenken anzuregen und die Kreativität von Jugendlichen zu fördern.

Wie Amerika seinen Namen fand.

Für den heutigen schicksalshaften „Election-Day“ hätte ich eine passende Anekdote anzubieten. Frage: warum heißt der große Kontinent jenseits des Atlantiks eigentlich „Amerika“? Woher stammt der Name und wer ist für dessen Benennung verantwortlich?

Kurze Antwort: „Amerika“ wurde nach einem Hochstapler und Betrüger benannt und die Kennzeichnung für den Erdteil stammt von einem Deutschen.

Habt Ihr es gewusst? Martin Waldseemüller hieß der Kartograph, (Nein, nicht Johnny Weissmüller) der 1507 eine Weltkarte schuf, die zum ersten Mal den neu entdeckten Kontinent zeigte. Zwar vorerst nur als schmalen Landstreifen, denn man ahnte noch nichts von den riesigen Ausmaßen jener Landfläche. Waldseemüller wußte von den Reisen des Columbus und dessen nachfolgende Seefahrer. Da das neue Land vollkommen inkognito war, hatte es bis dato keine offizielle Bezeichnung. Waldseemüller wurde die Ehre zuteil, als erster Mensch diese neue Welt zu benennen.

Ein bedeutender historischer Schritt. Da gab es zu der Zeit einen bedeutenden Seefahrer und Kaufmann aus Florenz namens Amerigo Vespucci. Dieser segelte mehrmals an die Ostküste des neu entdeckten Kontinents, wobei er der Erste war, der der hinter dem Küstenstreifen eine gewaltige Landmasse vermutete und propagierte. Bis dahin war man nur von Inseln ausgegangen.

Vespucci hat Tagebücher und Reiseberichte verfasst. Einige waren jedoch frei erfunden und auch sonst soll er ein regelrechter Betrüger gewesen sein. Viele Namensgebungen stammen von ihm: Venezuela („Klein-Venedig“) oder Rio de Janeiro (Januar-Fluß“).

Nun wurde er durch den Freiburger Kartographen zum Namensgeber eines gewaltigen Kontinents. Was für ein Schritt in die Unsterblichkeit eines Namens. Wurde jemals ein Mensch so verewigt?

Ich stelle mir vor, daß die Eltern Vespucci einen Namen für ihr neugeborenes Kind gesucht haben. „Amerigo! wurde es getauft. Eine Entscheidung, die in dem Bewusstsein von milliarden Menschen aufgenommen wurde, die heute den Namen Amerika verwenden. Und nur weil Waldseemüller in seiner Studierstube beiläufig nach einem Namen für das Fleckchen Erde auf seiner neuen Karte gesucht hat.

Warum ich Protestant bin, aber Halloween akzeptiere. Oder: durch die Finsternis zum Licht.

Häufig wird der Reformationstag und Halloween gegenseitig verglichen, was meinerseits nicht im Entferntesten einen Sinn ergibt. Gibt es hier einen Bezug oder gar einen Widerspruch? Es handelt sich um zwei Begriffe, die inhaltlich nichts miteinander zu tun haben. Wie kann man den Jahrestag der Verbreitung der 95 Thesen des Reformators Luther mit dem traditionellen keltischen Ritual der beleuchteten Kürbisköpfe in Zusammenhang bringen?

In vielen Artikeln, die ich jetzt lesen konnte, wird von die »Gefahr« dieses alten Brauches aus Irland gesprochen und die großen Amtskirchen glauben hier, ein schwerwiegendes Problem erkennen zu müssen. Warum? Ist unser Reformationsgedenken durch eine volkstümliche Überlieferung bedroht?

Seit die Kirchen über Macht mit Einfluss verfügten, wurden alle sogenannten heidnischen Volksbräuche als gottlos unchristlich verdammt und bekämpft. Ein Rest dieser Auffassung und Mentalität scheint noch vorhanden zu sein. Das lässt sich aus zahlreichen Berichten der letzten Zeit herauslesen. Da wird seitens eines Pfarrers von »Satanismus« gesprochen und eindringlich gewarnt, als wenn es sich um eine schwerwiegende Krankheit handelt. Unverkennbar wird hier, wie oft, Hysterie erzeugt, die dazu führt, Dinge, die man nicht versteht, in die Dünkel des Geheimnisvollen zu transportieren.
Was soll daran verwerflich sein, sich jährlich spielerisch und fantasievoll, mit der dunklen Seite unseres Daseins sowie der Welt im Allgemeinen zu beschäftigen? Indessen es auf diese Art geschieht, ist es in Ordnung. Frage an die Kirche: wie sollte man die Themen Finsternis, Grusel Dunkelheit, Schatten und Abgründe denn sonst behandeln? »Ernste« Abhandlungen gibt es genug in der Welt. Sie sind in den Medien beständig präsent. Solange ich mit derartigen Dingen kokettieren kann, habe ich sie unter meiner Kontrolle. Es spricht nichts gegen eine unbeschwert »unernste« Variante dieser Thematik.

Kein Zeitpunkt ist besser geeignet, als der jahreszeitliche Beginn der düsteren Zeit auf der Nordhalbkugel, wo der Prozess des Sterbens anhand der umgebenden Natur klar zum Vorschein kommt. Der November ist die ideale Phase des Gruselns. Das Anzünden von Licht in bizarr gestalteten Lampen gibt der grau-dunklen Atmosphäre einen hoffnungsvollen Lichtschimmer. Ab jetzt wird spätestens das Beleuchten der Umwelt zur Notwendigkeit. Es erlangt über die folgenden Laternenumzüge den zielgerichteten Höhepunkt zu Advent und Weihnachten am vollbeleuchteten Baum. Das Licht in der Dunkelheit, das die Erwartung für die Zeit danach verspricht, findet hier am 31.10 den Anfang.

Die altdeutsche Variante von Halloween ist das »Rübengeistern«. Statt Kürbissen wurden die in Deutschland geernteten Zuckerüben ausgehöhlt und mit Lampen versehen, die eine dämonische Wirkung erzielt haben sollen.

Und was hat das alles mit der Reformation zu tun? Hätte Martin Luther seine 95 Thesen zu einer anderen Jahreszeit an das Wittenberger Kirchenportal genagelt, würde das Gedenken daran entsprechend gefeiert werden. Der Reformationstag könnte theoretisch auch im Frühling oder Sommer stattfinden und hat somit keinerlei inneren Bezug zur augenblicklichen Jahreszeit. Symbolisch passt der Tag eher in den Vorfrühling, wenn die Natur des Winters ihr überlebtes Kleid abstreift, in die Erneuerung übergeht und sich durch neues Wachstum bis spätestens Ende Mai endgültig »reformiert« hat.

Stiller Protest eines unbekannten Künstlers

 

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Stiller Protest eines unbekannten Künstlers

Neulich ist mir im Netz ein bemerkenswertes Bild begegnet. Über den Sinn und Inhalt wurde in den Kommentaren, wie so oft in diesem Fall, lebhaft diskutiert. Es handelt sich um ein Gemälde, das anlässlich des diesjährigen Oktoberfestes auf der Münchener »Wies´n« im Festzelt des bekannten Brauers Hacker-Pschorr an einer Wand befestigt wurde. Das hat der Chef selber veranlasst und sich dabei viel Unmut seitens harscher Kommentatoren zugezogen.

Das Bild sollte eine »typische« Straßenszene in den Straßen Münchens darstellen. Der Name des Künstlers ist mir nicht bekannt. Betrachte der Zuschauer das Bild eine ganze Weile, so fallen Dinge ins Auge, die offensichtlich auf einen stummen Protest des Urhebers schließen lassen. Da es sich bestimmt um ein Auftragswerk handelt, wird der Maler auch Vorschriften und Wünschen seines Auftraggebers genüge getan haben. Hintergrund war eindeutig, die veränderte gesellschaftliche Entwicklung und Form in der Bundesrepublik bildlich real darzustellen, nicht zuletzt um für Verständnis und Toleranz zu werben.

Meiner Ansicht nach wird mit dem Gemälde eher das Gegenteil erreicht. Denn hier hat der Künstler etwas geleistet, was zahlreiche Auftragskünstler vor ihm ebenso getan haben. Nämlich in versteckten Zeichen und verborgenen Signalen die eigene Auffassung über das Thema des Bildes geschickt hinein zu zeichnen, ohne dabei allzu offensichtlich zu wirken.

Im vorliegenden Gemälde wird dies deutlich. Schaut man sich die Personen und ihr nach außen getragenes Verhältnis zueinander an, kann von Integration und Gemeinsamkeit keine Rede mehr sein.

Im Zentrum des Bildes wandeln drei muslimisch geprägte Frauen nebeneinander im gleichen Schritt, wobei ihre Verhüllung die jeweilig landestypische Variante darstellt. Was sie vereint, ist ihre Religionszugehörigkeit, die sie sichtbar präsentieren. Von den Einkaufstaschen abgesehen, entfalten sie in ihrem Aussehen eine geschlossene Gemeinschaft, die sich von der unmittelbaren Umgebung abhebt.

Alle anderen Personen halten einen auffallend deutlich distanzierten Abstand zu den Dreien in der Mitte. Die beiden Frauen ganz vorne links und rechts stehen in ihrem äußerlichen Erscheinungsbild in starkem Kontrast zur Bildmitte. Während die Frau rechts sommerlich freizügig gekleidet ist und sich wahrscheinlich auf einem Einkaufsbummel befindet, macht die Frau auf der linken Seite einen eher nachdenklichen und abwesenden Eindruck. Gelangweilt schaut sie auf das Geschehen drumherum. Rechts hinter ihr kauert eine ältere Dame, voll in sich gekehrt, nimmt von der Umgebung durch ihre Haltung bewusst Abstand, indem sie anderen Menschen den Rücken zukehrt. Neben ihr geht eine Frau einkaufen. Auch sie wirkt teilnahmslos und hält ebenso Distanz, in dem sie den abseitigen Straßenrand beschreitet.

Auf der rechten Seite neben der Frau außen ist zur Hälfte eine Frau mit weißem Hut zu sehen, die eine geräumige Einkaufstasche trägt und durch ihre Körperhaltung eine deutliche Ablehnung gegenüber dem Geschehen der linken Seite spürbar werden lässt. Sie scheint um die Musliminen einen besonders großen Bogen zu machen, quasi im Halbkreis ausweichend, was an ihrer Schulterhaltung zu erkennen ist.

Im Hintergrund links befindet sich eine separate Menschengruppe. Die beiden Damen am Tisch scheinen einen Disput zu führen. Sehr entspannt wirken sie dabei nicht. Ernste Themen können hier eine Rolle spielen.

Überhaupt lässt der Maler einige seltsame Figuren erscheinen. Insgesamt sind auf dem Bild nur drei Männer unter den ganzen Frauen. Der Junge, der so teilnahmslos vor sich hin schlurft, wirkt recht authentisch. Der Mann links oben vor dem Geschäft hat etwas gespenstisches. Der Künstler gab ihm kein Gesicht und färbte das Antlitz stark braun. Handelt es sich etwa um einen AFD-Sympathisanten? Er wird wohl Inhaber des Ladens hinter ihm sein. Also ein fleißiger Kleinunternehmer und Steuerzahler. Auf jeden Fall ein Einheimischer, autochthoner Deutscher, der trotz Gesichtslosigkeit auf die Szenerie blickt und mit den Händen in der Hosentasche Lässigkeit, aber auch Hilflosigkeit ausdrückt.

Eine weitere unheimliche Erscheinung ist die alte Dame davor. Wie ein Relikt aus dem 19. Jahrhundert wirkt sie in der modern anmutenden Gesellschaft eher deplatziert. Sie trägt eine Art Tracht und bekundet dadurch ihre Zugehörigkeit zu alten Traditionen und längst verflossenen Zeiten. Sie soll wohl den »aussterbenden Deutschen« repräsentieren, in dem sie schon gar nicht mehr in diese Welt gehört, wie aus einer vergangenen anderen Zeit, die sich »endgültig« verabschiedet hat. Sie ist ebenso gesichtslos dargestellt wie der Geschäftsinhaber.

Den einzigen schönen und entspannenden Blickpunkt des Bildes stellt das Liebespaar in der Mitte dar. Der wirklich anmutige Anblick, der durch die verwässerten Konturen den »weichgezeichneten« Ausdruck erhält. Die insgesamt trostlose, mit mürrischen Gesichtsausdrücken beladene »Multikulti« Szenerie bekommt durch das Paar im Zentrum eine merkbare Aufheiterung. Dazu trägt auch der Park mit den Baumstämmen im Hintergrund bei. Er wirkt frühlingshaft und heiter.

Das Gemälde soll eine Straßenszene Münchens darstellen. Ich bin lange nicht in der Stadt gewesen. Es wäre erschreckend, wenn die propagierte »Weltstadt mit Herz« kaum mehr zu bieten hätte, als diese zwanghaft aufrechterhaltene Ansicht einer »typischen« Straße, die in dem Bildnis eindeutig zeigt, da hier trotz Integrationsbemühungen vieles nicht funktioniert. Hier hat der Künstler seinen stillen Protest darin ausgedrückt, daß er die freudlose Distanz der Figuren herausstellte und dem scheinbar »bunten« Treiben die Aura der Trostlosigkeit verlieh.

Eine positiv aufbauende Message sieht anders aus. Der Maler würde mit Sicherheit eine freundlich wirkende, mit angenehmen Erscheinungen versehene Straßenszene dargestellt haben, wenn er das vorgehabt hätte. Ein Leichtes wäre es gewesen, Menschen und Umgebung einladend fröhlich darzustellen. Das er es dennoch nicht getan hat, lässt auf seine versteckte Botschaft schließen. Eine deutlich sichtbare Protestnote.

Mittlerweile ist das Oktoberfest im Gange und bislang nur die Hälfte der sonst zahlreichen Besucher aus der ganzen Welt erschienen. So wenig waren es noch nie in den Jahren. Ob der Wirt des Hacker-Pschorr Zeltes das Bild wieder entfernen ließ, ist nicht bekannt.

Symbol des Ausgleichs – die Waage

Tag- und Nachtgleiche 22.September 2016, 16:21 Uhr

Bei dem heutigen Herbstanfang werden Gegensätze und Gegenpole aufgewogen, die vorher unvereinbar erschienen. Wo vordem das Trennende vorherrschte, in dem die Ungleichgewichte stark hervortraten, setzt nun das Prinzip des Ausgleichs sein Zeichen, um die Spannungen zu minimieren, die durch die polare Teilung entstanden. Im astrologischen Sinn ist es die Waage, die die ausgeglichenen Kräfteverhältnisse symbolisiert. Somit ist der 22. September der Beginn des Sternzeichens _Waage. Die Waage ist ein Meßinstrument, welches hervorruft, dass nichts »überwiegt«. Das, was sich die »Waage hält«, sorgt für die gleiche Gewichtung und ist metaphysisch dem Einheitsbewusstsein nahe.

Das entsprechende Bild im Tarot ist die sechste Säule: »die Liebenden«. Dem Betrachter offenbaren sich auf dem ersten Blick eindeutige Bezüge zum biblischen Paradies. Unweigerlich denkt man hier an Adam und Eva, sowohl was die beiden Figuren im Vordergrund anbetrifft, als auch der gesamte Bildinhalt. Oben am Himmel thront ein Erzengel, welcher gebieterisch über die Menschen wacht, und ihnen den richtigen Weg weist. Nicht zu übersehen ist der Baum der Erkenntnis, der uns von dem ursprünglichen Zustand in der Einheit (Paradies) in das irdisch-materiell-polare Bewusstsein führt und in die darauf folgenden Abhängigkeitsverhältnisse einleitet.

Die Liebenden auf dem Bild stellen die innigste Vereinigung von Polaritäten dar, die es überhaupt gibt. Denn nur über die Kraft der Liebe ist es möglich, das scheinbar Unvereinbare als jeweils unerlässlichen Bestandteil des Gegenübers zu betrachten. Dadurch entsteht Schönheit im elementaren Sinn. Das Sinnbild des Monats »Waage« ist das Schöne, das sich jetzt in der Vegetation und in der Natur in seiner wahren Pracht noch einmal zeigt.

Der tiefere Sonnenstand und die vielfältigen Farben der Bäume machen aus Wäldern und Landschaften regelrechte Kunstwerke. Aus dem Grund sind auch alle »schönen Künste« diesem Sternzeichen untergeordnet.

Nicht das straffe »Entweder-Oder«, sondern das versöhnende »Sowohl-als-Auch« ist die wichtige Botschaft des Zeichens Waage, die in dieser Jahreszeit vermittelt wird.

Die Sonne im Tarot

Die 19. Tarotsäule:  Die Sonne.

Alles überstrahlt sie und erleuchtet dabei die Umgebung in den prächtigsten Farben. Die heitere Leichtigkeit des Daseins tritt hervor, alles Schwermütige vertreibend, um das Spielerische zeitlich begrenzt hervortreten zu lassen. Wo man hinschaut, nur noch Optimismus und grenzenloses Glück.

Aber wo Licht ist, tritt auch Schatten hervor. Segenspendend ist die Wärme, aber übermäßige Hitze kann sehr zerstörerisch wirken, wenn man sich dem nicht entziehen kann. Energie in zu starker Konzentration lässt alles verbrennen und am Ende nur Trockenheit und Dürre zurück.

Dem Element Feuer zugeordnet, setzt die Sonne alle schöpferischen Kräfte frei. Das kann sie nur temporär. Denn letztendlich verzehrt sie sich selber, um die Welt zu erleuchten.

Die Symbolkraft der Treppe

»Stufen des Abstiegs, Stufen des Aufstiegs«.
Von Herbert Fritsche, aus »Der große Holunderbaum«

Herbert Fritsche lebte von 1911 bis 1960. Er war ein bedeutender Schriftsteller esoterischer Werke, forschender Biologe, Lebensreformer, Schriftleiter und Herausgeber von Zeitschriften, die sich mit geheimwissenschaftlichen Themen befassten und Psychotherapeut. Aus seinem Jugendwerk »Der große Holunderbaum, Einführung in die Esoterik«, will ich hier einige höchst aufschlussreiche Zitate darstellen. Fritsche war in jeder Hinsicht ein »Wissender«, der mit beeindruckender Klarheit komplexe Zusammenhänge in allgemein verständlicher Sprache formulierte. Es gibt viel über ihn zu sagen. Das würde hier aber den Rahmen bei Weitem sprengen. Zahlreiche Bücher von ihm sind in meinem Besitz, aus Antiquariat erworben, wobei mittlerweile seine Werke wieder neu verlegt wurden. Hier nun der entsprechende Auszug aus dem Buch:

»Der Lebensweg des Menschen ist gekennzeichnet durch die magische Signatur der Treppe, die entweder aus »Stufen des Abstiegs« oder aus »Stufen des Aufstiegs« gesteht. Die Treppe ist Symbol des magischen Weges; die -stufen sind scheinbar eben, aber niemand kann sie gehen, ohne empor oder abwärts zu steigen: mühsam aufwärts, leicht aber gefahrvoll hinab. Wer um die Magie der Treppe weiß, fühlt einen leisen Schauder, wenn er eine Treppe hinauf- oder hinabsteigen soll.

Stufen des Abstiegs:
1. Emanzipation des Alltäglichen vom Ewigen (Bindungsverlust)
2. Versiegen der Zwiesprache mit Gott
3. Durchwucherung des Alltags mit entedelter Seelenspeise
(Presse, Illustrierten, Romane)
4. Gleichgültigkeit gegen die Speise des Leibes
5. Reizmittelgebrauch
6. Freiheitseinbuße
7. Blindes Dahinleben
8. Resignation

Stufen des Aufstiegs:

1. Das Alltägliche sub specie aeternitatis leben
2. Leben als Antwort
3. Verzicht auf »Zerstreuendes«
4. Bewußte Kostgestaltung
5. Wiederfindung der Eigenschwingung des Organismus
6. Radikales Sich-Freimachen vom Zwang der Fremdkräfte
7. Bewußte Erfüllung der Stunden: jeder Stunde das ihre Geben
8. Wissen: Ideale sind Provokationen des Realismus

Spaltung einer Weltstadt

Heute, auf den Tag genau wurde vor 55 Jahren in Berlin die berühmte Mauer errichtet. Sie durchschnitt mitten in der Großstadt Verkehrswege, Kommunikationseinrichtungen, Bahnlinien, menschliche Kontakte und Telefonnetze. Uns Westberlinern war es von da ab nicht mehr gestattet, in den Ostteil zu reisen.Tragische und erschütternde Momente spielten sich in der Stadt ab.

Fassungslos standen die Menschen an der neu errichteten Grenze und winkten verzweifelt zu ihren Freunden und Verwandten an der gegenüberliegenden Seite. In zahlreichen Filmdokumenten ist dieses Drama eindrucksvoll wiedergegeben.Verzweifelte Fluchtversuche kamen auf, bevor die Abriegelung vervollständigt wurde. Protestnoten des Berliner Senates wurden übermittelt. Die Alliierten waren in Alarmbereitschaft.

Doch alles nützte nichts. Der Westen wurde vor vollendete Tatsachen gestellt. Die Lebensbedingungen in der Stadt sind vollkommen umgestellt worden. Erst Jahre später wurde es der Westberliner Bevölkerung gestattet, aufgrund von Abkommen mit einem aufwändigen Passierschein- Verfahren seine Freunde und Verwandten in Ostberlin zu besuchen. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie ich mit meiner Oma in einer Menschenschlange im Nebel vor einem streng wirkenden, roten Klinkerbau stand, um in der Kälte langsam zu den ersehnten Passierscheinen zu kommen.

Der ersten Eindruck von Ostberlin war für mich verheerend. Ein brenzliger Geruch von Qualm und Zweitakter auf den Straßen. Die Häuserfassaden grau und abstoßend. Die Menschen unfreundlich und verschlossen. Wir Westberliner waren Klassenfeinde und wurden auch entsprechend behandelt. Das ließ man uns am Grenzübergang deutlich spüren. Froh und erleichtert fühlte sich jeder, wenn er wieder westlichen Boden betreten durfte.

In den weiteren Jahren meiner Jugendzeit hatte ich oft die Gelegenheit, auf den hölzernen Aussichtsplattformen dieses bizarre Bauwerk zu besichtigen und mich dabei zu gruseln. Grau, verfallen und menschenfeindlich wirkte die ganze Anlage mit dem Todesstreifen und den verfallenen Häusern. Viele Jahre wird es noch bis zum Mauerfall dauern und etliche Tragödien sollten sich bis dahin ereignen.