Tagebuch eines Leidensweges

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Die weltberühmten, erschütternd tragischen Tagebücher des britischen Südpolar-Expeditionsleiters Robert Falcon Scott sind eine beeindruckende Lektüre.
Scott war ein renommierter Offizier der englischen Marine, der Zeit seines Lebens von dem Wahn getrieben wurde, als erster Mensch den Südpol zu betreten. Alle Bemühungen und gewaltige Anstrengungen führten tatsächlich dazu, das Scott am 16. Januar 1912 mit einigen Männern den bisher unerreichten Punkt der Erde in Besitz nehmen konnten.
Aber das Allerwichtigste an dieser Aktion wurde ihnen durch schicksalhafte Umstände verwehrt. Anstatt das Privileg des ersten Entdeckers des Südpoles genießen zu können, musste sich Scott mit dem zweiten Platz begnügen. Denn der Norweger Ronald Amundsen hatte bereits vor Wochen die Flagge seines Heimatlandes auf dem südlichsten Punkt der Erde gehisst. Somit konnte er die Krone der historischen Einmaligkeit tragen und auf sich beziehen.
Ganz anders bei Scott und seiner Mannschaft. Das Tagebuch schildert in Worten den erschütternden Moment, als Scott nach äußersten Strapazen und Mühen geradewegs auf die am Horizont erscheinende Flagge des Norwegers zumarschierten.

Aus solchen deprimierenden Erfahrungen heraus mussten die Männer den katastrophal beschwerlichen Weg von 1500 Kilometern zurückgehen. Und das unter dieser Situation und schlechter Stimmungslage.
Sie haben ihr Ziel nicht erreicht. 500 Kilometer vor Erreichen des Zwischenlagers sind sie in ihrem Zelt erfroren. Bis zu dem letzten Augenblick vor dem Erstarren der Finger und Hände schrieb Scott in detaillierter Weise seine Erlebnisse in das Tagebuch. In einem britisch gefärbten Pathos beendete er die Schlusszeilen, in dem er sich von allem ihm bekannten Personen verabschiedete und am Ende einige grundsätzliche, patriotische Bemerkungen machte.
Seitdem ist dieses Tagebuch, das durch Eintritt des Todes abgebrochen wurde, ein bedeutender Teil der Weltliteratur geworden.
Als sich nach Monaten ein Expeditionskorps aufmachte und die Erfrorenen im ewigen Eise fand, wurde unter anderem auch das Tagebuch aufgefunden. Unbeschädigt konnte es der Weltöffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Klugheit und Kreativität. Der Musiker Cameron Carpenter

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Cameron Carpenter ist ein Phänomen. Sogleich in mehrfacher Beziehung. Beobachtet ihn jemand beim Spielen an der Orgel, dann beschleicht demjenigen das Gefühl, dass die gängige Orgelliteratur den ausführenden Solisten nicht recht auszufüllen vermag. Kann das sein? Die großen Orgelwerke von Bach bis Reger zu einfach für einen so begabten Musiker aus Amerika? Was manchmal rein äußerlich so unbefangen leicht daherkommt und aussieht, als wenn es gar keine Mühe bereitet, schwierige technische Passagen zu bewältigen, ist in der Regel das Resultat harter und entbehrungsreicher Arbeit. Cameron spielt seit dem 11. Lebensjahr öffentlich. Er begann mit der Aufführung von Bachs wohltemperiertem Klavier, Teil 1 und 2. Kein schlechtes Debüt für einen jungen Menschen, der erste Schritte auf einer Hammondorgel in der Metallofenfabrik seiner Eltern gemacht hat. Jetzt steht er auf der Höhe des Ruhmes und ist dabei der gefragteste Organist der Welt, den jedes Orchester und jeder Veranstalter haben will. Aber auch etwas anderes macht seinen außergewöhnlichen Erfolg in der Musikszene aus.

Große Solisten in der klassischen Musik, die ihren Habitus und ihr auffallend Äußeres in die Öffentlichkeit getragen haben, gab es immer. Zu jeder Zeit. Man denke dabei an Franz Liszt, der auf Gemälden mit aufrecht gereckter Haltung, bedeutungsvollem Gesicht und wallender Löwenmähne in Verbindung mit expressivem Spiel das Publikum in Entzückung versetzte. Nie vergesse ich die Konzerte mit dem Trompeter Ludwig Güttler, der in der Kirche als imposante Erscheinung und großer Gestalt auf der Empore stand, dabei mit dem kreisenden Schallbecher der Trompete und strahlenden Klängen die Zuhörer zu spontanen Beifallsäußerungen verleitete. Im Gegensatz dazu ist es in der Popmusik aus verschiedenen Gründen zwingend notwendig, mit visuellen Effekten und extravaganten Äußerlichkeiten zu arbeiten. Meist um allgemeine musikalische und textliche Inhaltsleere zu kaschieren und auszugleichen.

Cameron Carpenter ist eine Ausnahmeerscheinung im Klassik-Betrieb. Sein äußerliches Bild in Kleidung und Outfit will nicht so recht in das Raster eines Orgelsolisten passen. Das tut er mit voller Absicht. Cameron sieht sich in keiner Weise als Kirchenorganist. Obwohl er die Kirche ablehnt, hat er zahlreiche Konzerte und Aufnahmen in großen Kirchengebäuden absolviert. Aber seine Erscheinung wirkt dort wie ein Fremdkörper. Es ist wie eine innere Auflehnung gegen die Zwänge starker Kirchenmauern. Gleichzeitig weiß er, was zum »Business« notwendig ist. Das hat er von den Eltern gelernt. Ich glaube, wenn er kein Musiker geworden wäre, dann hätte er sich aufgrund vorliegender stark ausgeprägten Kreativität als Modeschöpfer oder Designer einen Namen gemacht. Und seine schöpferische Ader spürt jeder auch in den originellen Orgel-Arrangements und Kompositionen. Alles in allem bilden diese Eigenschaften das Fundament für eine außergewöhnliche Karriere.

In dem vorliegenden Video beweist Cameron, dass er ein äußerst kluger Kopf ist und durch und durch ein Mensch der heutigen Zeit. Er steht mit dem, was er tut, vollkommen über den Dingen und belegt dies in seinen zahlreichen Interviews auf immer wieder überzeugende und beeindruckende Weise. Werden ihm dabei glücklicherweise die geeigneten Fragen von den richtigen Leuten, wie im vorliegenden Film, gestellt,  wird solch eine Sendung zu einem wahren Hochgenuss.

http://www.youtube.com/watch?v=Uvaz4AYEpw4&list=FLxL12Wy9y_ZfCixhZSyfF0Q&index=7

Erinnerungen an Bremerhaven

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Letzten Donnerstag in Bremerhaven. Konzert für Trompete und Orgel in der St. Marien Kirche, mitten in der Innenstadt. Gemeinsam mit meinem Orgelbegleiter Lothar Rückert aus Hannover spielte ich ein kurzweiliges Programm mit Werken von Baldassari, Thomas Arne, G.B. Loeillet und Georg Friedrich Händel, das vom Publikum dankbar angenommen wurde. Passen waren besonders die »Englische Suite« mit »Rule Britannia« und die berühmte »Wassermusik«.

Auftritte wie diese nutze ich gern, sofern es die Zeit zulässt, um die jeweiligen örtlichen Gegebenheiten etwas genauer zu erforschen. Dabei begegnet einem viel Interessantes und Aufschlussreiches. Auffallend sind die baulichen Veränderungen, wenn man nach längerer Zeitspanne wieder hierherkommt.

Alle Achtung: Bremerhaven hat sich schön herausgeputzt. In der Erinnerung visualisiere ich noch das Stadtbild aus den 70er Jahren vor mir. Wie waren die Eindrücke damals grau in grau, wenn ich den Musikerkollegen vom Theater besuchte. Die Straßenzeilen, die Hafenpromenade, die Fassaden, all das wirkte auf den Besucher eher weniger einladend. Rückwirkend habe ich meinen Mitmusiker Martin Pawassar, der eine Stelle als Klarinettist am Stadttheater antrat, keinesfalls darum beneidet, in diesem manchmal etwas provisorisch wirkenden Ort seinen beruflichen Werdegang anzutreten. Subjektiv war ich froh, die Stadt wieder verlassen zu können, was sich als nicht so einfach bewerkstelligen ließ. In Ermangelung ausreichender Straßen-Wegweiser bin ich mit dem Auto damals ungewollt kreuz und quer gekurvt, um zu guter Letzt den Weg zur erlösenden Autobahn gefunden zu haben.

Das ist lange her. Aus dem ehedem dunklen Antlitz ist ein freundlich wirkendes Stadtbild geworden, das zum Schlendern und Verweilen einlädt. So bin ich von meiner Unterkunft im Stadtteil Lehe ausgehend im Stadtgebiet und den Hafenanlagen unterwegs gewesen. Jeder bemerkt sofort: Hier haben sich die Stadtplaner viel Mühe gegeben und investiert, um den Ort zu einem ansprechenden Ziel für Touristen werden zu lassen.

Bremerhaven war der erste Teil meiner »Bädertournee«. Tags darauf gleiches Programm in Cuxhaven und in einigen Wochen auf Sylt in der Innenstadtkirche von Westerland.

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Britannien und der Kontinent

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Es hat alles nichts genützt. Weder das mediale Trommelfeuer der letzten Wochen noch die zur Schau gestellte Selbstsicherheit derer, die meinten, der Brexit würde nie stattfinden. Unsere EU Politiker sind geschockt. Keinesfalls wegen Europa an sich, sondern eher über eine sich anbahnenden Entwicklung, die ihre eigenen Positionen gefährdet.

Denn eines wurde klar. Die üblichen Propagandamechanismen sind stumpf geworden. Wenn Herr Gauck sagt, »nicht die Eliten, die Bevölkerung ist das Problem«, dann hat er recht. Diese werden jetzt tatsächlich, ermuntert durch die anstehende Entwicklung, Probleme machen, indem sie die verkrusteten Strukturen in der EU aufzubrechen versuchen.

Also liebe Briten. Gratulation zu der Entscheidung. Ihr habt das Wesen der Demokratie erkannt, nämlich gewaltfrei politische Veränderungen zu veranlassen. Damit habt ihr euch wieder die Historie zurückgemeldet. Denn die nächsten Anwärter sind schon in Lauerstellung und werden versuchen, eurem Beispiel zu folgen.

Vor Deutschland braucht in der EU niemand Angst zu haben. Referenden dieser Art finden dort unter keinen Umständen statt. Der brave Bundesbürger denkt gar nicht daran, sein eigenes politisches Schicksal in die Hand zu nehmen und Mitwirkung an schicksalhaften Entscheidungen einzufordern. Sein immer noch vorhandenes obrigkeitsstaatliches Denken verhindert solche Überraschungen. Wähnt er sich doch verbürgt und behütet in dessen geordneten Welt, die keinen Raum lässt für Veränderungen, auch wenn sie sich als Vorteil erweisen sollte.

Da glaubt er lieber an das, mühsam durch Steuerzahlungen aufrecht erhaltene Politiker-Establishment, dem er blind vertraut und auch weiterhin jede Unterstützung gewährt. Dafür geht der brave Deutsche gern an die Grenze aller Möglichkeiten, bis zur Erschöpfung notfalls, aber immer mit Überzeugung. Ja, unumstößliche Prinzipien hierzulande sind es, die dem eines Tages ausgelaugten Torso EU noch die letzten Lebensimpulse aufrechterhalten wird.

Giebich, der Stein und die Sage

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Giebich, der Stein und die Sage

Die Schwarzkiefern wirken mal dunkel, mal heimelig. Der Wald in der Nähe des Ortes Stöckse macht den Eindruck des Verbergens, ja des Verheimlichens. Die Wege, die hineinführen, lassen nichts Besonderes erwarten. Wer dennoch voller Hoffnung hinein wandert, um dabei etwas Bedeutsames zu finden, dem wird in Kürze Entsprechendes begegnen.

In einer Erdmulde liegend, majestätisch in der Erscheinung, wuchtig im Anblick thront der Giebichenstein dort unverrückbar seit Urzeiten an einer ihm zugewiesenen Stelle. Gewandert ist er einst, unvorstellbar bei dem Gewicht, in eiszeitlichen Phasen aus dem hohen Norden hierher an seinem endgültigen Platz. Hier wird er bleiben und bei vorhandenen 350 Tonnen jedem Baukran widerstehen.

Wer vor ihm weilt ist von dessen Pracht und Fülle beeindruckt. Ein Hauch von Ewigkeit umweht den größten Findling Norddeutschlands. In dem Stein haben sich über Jahrmillionen die Organismen verdichtet. Ehrfürchtig steht man vor diesem Naturmonument, um darüber zu sinnieren, wer wohl in den letzten Jahrtausenden hier ebenso die Blicke darauf geworfen hatte.

Denn eins ist klar: Jeder der hier vorbeikam hat den Findling wahrgenommen. Irgendwann war die Umgegend sicher waldlos, was den Anblick von weit her geleitet haben dürfte. Die kleine Steinanlage in der Nähe bezeugt die Anwesenheit von Menschen aus prähistorischen Zeiten.
Unter dem Stein wurde gegraben. Steinzeitliche Funde sind herausgeholt worden. Ich finde die Rückschlüsse der Archäologen oft erheiternd. Es heißt, da wäre ein steinzeitliches Jägerlager« gewesen. Könnte sein. Nun, liebe Archäologen, ich vermute mal etwas anderes. Vielleicht hat dort auch ein »Saufgelage« stattgefunden. Sie haben sich getroffen und ordentlich einen draufgemacht. Ist das so abwegig? Immer diese Versuche von Historikern, Menschen der Frühzeit als anonymisierte Wesen darzustellen, die nicht die gleichen menschlichen Regungen hatten, wie zu allen Zeiten. Meines Erachtens eine Fehleinschätzung.

Der Giebichenstein erhielt seinen Namen aufgrund einer Sage. In den alten Sagen und Legenden werden Urwahrheiten, Geheimnisse und Weisheiten in verschlüsselter (Altdeutsch: verhehlter) Form dargestellt. Ebenso hier:

Unter dem Stein lag einst der Hauptsitz des Zwergenkönigs Giebich. Der Riese Hans Lohe, der aus dem benachbarten Grinderwald stammte, hatte vor, aus welchem Grund auch immer, den Kirchturm von Wölpe zu zerschlagen. Dazu brauchte er einen großen, schweren Steinblock. Aber Giebich gelang es, mit geheimen Kräften, diesen wieder zu Boden zu zwingen. Somit scheiterte das Vorhaben des Riesen und der Stein lagert noch heute dort, wo er heruntergezogen wurde. Soweit die Sage.

Welche Botschaft liegt hier im Verborgenen? Offensichtlich geht es um die Zähmung unbändiger, zerstörerischer Kräfte. Wenn der Riese also mit einem gewaltigen Stein einen Kirchturm zerschlagen will, dann hat er offenbar ein Problem mit der Kirche . Da es sich um eine mittelalterliche Sage handelt (das Geschlecht Wölpe endete im 13. Jahrhundert) , ist der geografische Ort, an dem eine Kirche gebaut wurde, ein besonders ausgesuchter Platz. So waren die Stellen, an denen Gotteshäuser errichtet wurden, in vorchristlicher Zeit bevorzugte Versammlungs- und Kultorte. Auch der Begriff Geomantie ist hier hilfreich.

Der mutwillige Zerstörungsakt des Riesen richtet sich also gegen das Heilige im Allgemeinen. Aber eine gefestigte irdische Kraft, die aus der Unterwelt kommt, hält ihn zurück. Der Zwergenkönig Giebich ist ein Bewohner der Tiefe. Und der sorgt dafür, daß wir mit unseren Taten, die wir vollbringen, immer etwas begrenzt werden. Und wenn hemmungsloses Agieren in Zerstörungswut ausbricht, hält uns das Erdelement davon ab, indem es uns die Waffe (in dem Fall der Stein) entreißt. So wie einst Giebich in der Sage, der das erdgebundene Festhalten beherrscht, um damit sinnlose Schandtaten zu verhindern.

Der Giebich aus der Legende ist der ruhende Pol im Weltgeschehen. Jedenfalls solange er den Stein weiterhin festhält. Unterstützen wir ihn dabei mit allen Kräften.

In Memoriam Jörg Strodthoff

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In Memoriam Jörg Strodthoff

(22.10.1959-10.06.2013)

An dieser Stelle will ich an den vor genau drei Jahren verstorbenen Berliner Kantor und Kirchenmusikdirektor Jörg Strodthoff erinnern. Er hatte sich in seiner Dienstzeit (ab 1989) als Organist, Pianist und Chorleiter an der Berlin-Wilmersdorfer Auenkirche durch glänzende Aufführungen, hochqualitative CD Einspielungen und Gastspiele in allen bedeutenden Berliner Kirchen einen Namen gemacht. Krankheit und früher Tod setzten einer hoffnungsvollen Karriere ein jähes Ende. Zum Schluss erhielt er die Ernennung zum Kirchenmusikdirektor und bekam die Bürgermedaille des Bezirkes für sein allgemein-kulturelles Wirken.
Jörg stammte aus Hannover. Er besuchte das Humboldtgymnasium, machte dort das Abitur. Hier entdeckte er die Liebe zur Musik und den daraus folgenden Berufswunsch. An der Musikhochschule Hannover lernte ich ihn kennen. Er studierte nicht nur Kirchenmusik, sondern absolvierte daneben ein Kapellmeisterstudium. Mit der Zeit legte er doch den Schwerpunkt auf die geistliche Musik. Vor allem die großen Orgelwerke taten es ihm an. Damit zeigte er sein bewundernswertes Können auf dem Instrument. Er verfügte über einen enormen Fleiß, verbunden mit immenser Ausdauer. Ich erinnere mich: Wie oft kam er zu später Stunde in die Studentenkneipe, mit vollgeschwitztem Hemd, stundenlang Reger geübt, um sich am Flipperautomaten ordentlich abzureagieren.

So lernte ich ihn kennen. Als einen ehrgeizigen und bis zur Selbstaufopferung tätigen Musiker, der hoch hinaus wollte, dabei von einer herausragenden Position träumte. In den musikalischen Vorstellungen war er kompromisslos. Sein Drang zum Perfektionismus erreichte manchmal schon die Schmerzgrenze. Selten zuvor habe ich solch einen Hang zur Opferbereitschaft erlebt.

An der Lukaskirche in Hannover-Vahrenwald hatte er seine erste Organistenstelle. In der Zeit, Anfang der 80er Jahre, musizierte ich viel mit ihm gemeinsam. Gelegentlich traf ich ihn andernorts bei Gastspielen in Kirchen der Region.

1989 erhielt er dann die lang ersehnte Position eines A-Kirchenmusikers an der Auenkirche in Berlin-Wilmersdorf. Zu meiner Überraschung in dem Bezirk, wo ich geboren wurde und 1960 getauft worden bin. Hier begannen seine berufliche Karriere und Erfolgsgeschichte. Mit den Jahren des Wirkens wurde die Auenkirche zu einem Geheimtipp in Berlin für qualitativ hochwertige Kirchenmusik. Große Aufführungen mit der Kantorei durch alle bedeutenden Oratorienwerke, legendäre Reger und Bach Einspielungen sowie Zusammenarbeit mit herausragenden Künstlern und Sängern Berlins prägten seine Amtszeit.

Leider war es ihm nicht vergönnt, die Früchte seines vielfältigen Schaffens im Alter zu genießen. Als ich ihn anlässlich meines Taufjubiläums zwecks Musizierens im Gottesdienst einmal kontaktieren wollte, kam mir auf der Internetseite der Gemeinde nur noch eine Todesnachricht mit Nachruf entgegen. So schnell kann es geschehen. Und so habe ich das Musizieren in meiner Taufkirche letztes Jahr mit seinem Nachfolger im Amt, Winfried Kleindopf, nachgeholt.

Kurt Tucholsky und ich

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Kurt Tucholsky ist ein Landsmann von mir. Ja, eine gewisse Nähe spüre ich schon zu diesem Autor, Literaten und Satiriker. Tucholsky ist in Berlin-Moabit geboren, ein Stadtteil im Bezirk Mitte, in dem ich zur Schule gegangen und aufgewachsen bin. Und selbstverständlich bin ich samt Schultüte und braunem Lederranzen in die »Kurt-Tucholsky-Grundschule« eingeschult worden. Das war 1966. Danach hat sich die Namenspatenschaft der Schule, wie in Berlin häufiger üblich, mehrmals geändert.

In Wilmersdorf bin ich geboren. Ein bürgerlich, eher wohlhabender Stadtteil im »alten Westen« Berlins. Stärker beeinflusst hat meinen Werdegang doch die besondere Atmosphäre des Moabiter »Stephan-Kiezes«. Von hier stammen die ersten bewussten Eindrücke und Erlebnisse meiner Kindheit, die mich bis heute noch prägen.

Zynismus ist eigentlich nicht meine Vorliebe. Aber Tucholskys teils knallharte Satire beeindruckt mich ungemein. Die »Prügelstrafe« und der »Laternenanzünder« sind nach wie vor Favoriten. Vermutlich bin ich in Berlin doch mit einigen vorhandenen »Molekülen« in Berührung gekommen.

Hubertus Wöllenstein, mit dem ich diesen Tucholsky Abend gestaltete, ist der geeignete Rezitator für Tuchos Werke. Seine ausdrucksvoll knallige und markante Stimme, sowie ein ausstrahlender »Zwanziger-Jahre-Typus« lässt eine Aufführung wie gestern im Gronauer Lichtspieltheater zu einem beeindruckenden Erlebnis werden.

Oft genug ärgerte ich mich über solch handzahmen »Rundfunk«-Stimmen, von jungen Milchbärten, deren Habitus in keinem Verhältnis zu den oft klotzigen Texten Tucholskys stand. Da lobe ich mir doch eher das kantige, knorrige und unergründliche im Vortrag. Tuchos derbe Satire ist nun mal eine andere Hausnummer als heutige lammfromme Kabarett-Darbietungen. Sie gehört nun mal in eine vergangene Epoche, die sie repräsentiert und veranschaulicht. Man war halt etwas Gehaltvolles gewöhnt.

Und die Musik? Natürlich Zwanziger-Jahre Gassenhauer auf dem Klavier und dazwischen einige besinnliche Kontraste zu den scharfsinnigen Texten, welche den Zuhörern etliches abverlangen. Die Leute sollten sich zwischenzeitlich erholen. Das war vornehmlich mein Part. Die Klavierklänge liessen die Inhalte noch einmal Revue passieren und gab dem Publikum die Gelegenheit zur Selbstreflektion.

Der Auftrittsort bot stilistisch die passende Kulisse für unseren Vortrag. Das Lichtspielhaus in Gronau (Leine) wurde 1919 erbaut und zählt zu den ältesten Kinos in der Region. Das Gebäude steht unter Denkmalschutz und wird von einem Kultur- und Veranstaltungsverein in engagierter und rühriger Weise betreut. Neben einem reichhaltigen Kinoprogramm treten hier Künstler aller Gattungen innerhalb eines Rahmenprogrammes auf.

Alle Achtung. Volle 2 Stunden ohne Pause haben die Leute aufmerksam bis zum Schluss zugehört. Ein positives Zeichen für uns. So war hier genug Spannung und Abwechslung ohne eine Minute Leerlauf angesagt.

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Entlang der Kaiserallee

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Was sind schon die berühmten »Linden« im Berliner Stadtzentrum, was sind die großen Prachtstraßen dieser Welt gegen unsere gute alte »Kaiserallee«? Ursprünglich angelegt als Verbindungsweg zwischen der «Kaiserrampe« und dem Springer Jagdschloss, liegt sie jetzt im späten Frühling in voller Pracht vor unseren Augen. Kastanien, Lindenbäume, angejahrte Baumbestände und Neuanpflanzungen zieren den Weg des Spaziergängers. Was hat es mit dem Namen auf sich? Was haben die kaiserlichen Herrscher damit zu tun?

Bereits 1858 ist dieser Weg angelegt worden. Am Wegesrand wurden hauptsächlich Kastanien angepflanzt, welche mit der Zeit eine stattliche Größe erreichen sollten. Die Allee hatte den Zweck, eine Verbindung zwischen der alten Chaussee Hannover-Hameln zum Springer Jagdschloss herzustellen. Ebendieses architektonische Kleinod wurde 1837 unter der Regentschaft von Ernst-August von Hannover (der vor dem Hauptbahnhof)durch Laves gebaut.

1866 endete das Königreich Hannover. Es wurde preußische Provinz. Von nun an wurden Staatsjagden veranstaltet, an der sogar der jeweils amtierende deutsche Kaiser teilnahm. Das erklärt auch den Begriff »Kaiserrampe«. Es handelte sich um einen Bahnhof für die Sonderzüge des Kaisers, wenn dieser mit seinem Gefolge zu den alle zwei Jahre stattfindenden Jagden im Saupark Springe aufbrach.

Wer heute entlang der Allee geht oder fährt, befindet sich auf geschichtsträchtigem Boden. Traf der Kaiser am Bahnhof ein, wurde er nicht nur von zahlreichen Bediensteten begleitet. Selbstverständlich nahm die breite Öffentlichkeit davon Notiz. Daher kommt die Bezeichnung: »Großer Bahnhof…«. Nach öffentlicher und medialer Aufmerksamkeit stieg der Herrscher in die für ihn bereitgestellte Kutsche. Somit setzte sich der ganze Tross in Bewegung, um dann gemächlich die Kaiserallee entlang zum Jagdschloss zu fahren. Da die Jagden in der Regel im Spätherbst veranstaltet wurden, war die Witterung eher feucht und neblig. So war seine Majestät oft verschnupft, wenn er von dringenden Regierungsgeschäften kommend, sich zur erholsamen Jagd mit seinen Begleitern aufmachte. Das ging so bis zum Jahre 1912. Da fand die letzte Staatsjagd mit Kaiser Wilhelm, den zweiten statt.

Das Kaiserreich ist längst untergegangen. Die Nachfolger waren keine adligen Herrscher mehr. Allenfalls Länderregierungschefs und deren Minister haben bis in die heutige Zeit der traditionellen Veranstaltung ihre Referenz erwiesen. Der letzte bekannte Name war Ernst Albrecht, damaliger Ministerpräsident von Niedersachsen. Dieser ist bestimmt nicht die Kaiserallee entlanggefahren, sondern ganz nach Art der Demokraten, mit seinem Dienstwagen bis zur Eingangstür kutschiert worden.

Somit ist die Kaiserallee inzwischen zu einem Relikt vergangener Zeiten geworden. Aber dem Wanderer offenbart sie ihre Schönheit und Anmut für die Sinne.

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The Lost of Silence

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The silence accompanied people over the centuries. No engine noise, never music amplifiers, no construction noise and no trace of irritating overflowing media confronted the ears of the people of earlier eras. At least in everyday life. In the cities, it was then louder than in the countryside. Carriages that rolled over cobblestones, craftsman on streets, crowds and market women on large squares. These were usually the commonly used sound level, which it was delivered. Really loud it was on special occasions: at war with cannon thunder, explosions and cavalry – attacks, with revolutions in the cities, in fires and natural disasters. More on extraordinary occasions penetrated the noise to the people. Most unintentionally. And its effects are more fatal.

Musical performances were then closed for many. It depended very much on where you lived. In the city it was effortless to attend events. They were not always available to everyone. Military music was heard more often. At parades and marches of the City Guard and the regiments. Who would afford, went to the opera. Concert halls, there were in the country and was attended by an audience rather musically trained. Dance events, village festivals and park concerts experienced the most plain and simple inhabitants. In the churches could be heard oratorios and major organ works. If you lived in the province, it was already difficult to enjoy good music. Distance trips were for accepted. In the other case, the abundant widespread house music remained, while striving not professional demands, but the interest and love for music promoted immensely. But no matter where something rang out, all in all, the production and recording music throughout a fleeting appearance. That remained was the memory of performances and concerts, the faded sometime. The only way to reproduce at that time was the piano, on which one could re-enact what is heard again. Inside was the original idea of ​​the piano scores. All this should suddenly change from the year.

1877 All of a sudden, out of the blue, there was the prospect of preserving sounds and to spread widely. None other than Thomas Edison (yes, the man with the bulb), those inventor from USA, who has never been to school, presented its newest creation to the public. The »Edison Phonograph«, a device with a rotating wax – roll and a stylus. From the bell was in fact able to hear voices and music. Almost spooky must have seemed the first hearers those sounds. Despite the sometimes poor sound quality it was no less than a milestone in the history of music. Not long did it take until this significant invention was replaced in Germany by the record.

As the phonograph works and how to record it, was described impressively in the Museum Bad Munder. Oliver Bargmann, one of the few specialists in the field in Germany, resulted in a 50 minute presentation by the historical background of these early tone. He had once asked a permanent exhibition at the Museum available Its rich equipment. The audience followed his comments very interesting. And also for me, even as »old hand«, there were plenty of new information on the subject.

My humble task was record a sound with an original phonograph at the end of the presentation. I used a Cornet a Pistons in American design. This was the end of the 19th century as a solo instrument extremely popular. A large number of works (theme with variations) was composed for it. Even very early original recordings of old were played on the Cornet. I took a piece out of mothballs: Konzertpolka »decoys«. Longer than 2:15 it was not allowed to take, since the playing time of the roller is limited. So I had to jump relatively quickly to the trailer on a show of hands. It was deeply impressive to me as a musician, with which simple means then sound canned prepared and am grateful for this rare opportunity to be involved here.

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